Franz Mehring: Offenes Schreiben an die Bolschewiki

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Offenes Schreiben Franz Mehrings vom 3. Juni 1918 an die Bolschewiki mit einer Einschätzung der verschiedenen Richtungen in der deutschen Arbeiterbewegung. Darüber hinaus gibt es dann noch die Artikelserie von Franz Mehring „Die Bolschewiki und wir“  (veröffentlicht am 31. Mai, 1. Juni, 10. Juni und 17. Juni 1918 in der Leipziger Volkszeitung) aus dem Jahr 1918 (Link), der die ersten Ereignisse nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution kommentiert:

Franz Mehring:

Offenes Schreiben an die Bolschewiki

3. Juni 1918

Geehrte Genossen!

Es mag anmaßend erscheinen, wenn ich, ein einzelner Ihrer deutschen Gesinnungsgenossen, den russischen Kameraden brüderliche Grüße und herzliche Glückwünsche sende. Aber in Wahrheit schreibe ich Ihnen doch nicht als einzelner, sondern als Ältester der Gruppe Internationale, der Spartakusleute, derjenigen sozialdemokratischen Richtung in Deutschland, die seit vier Jahren unter den schwierigsten Umständen, auf demselben Boden, mit derselben Taktik kämpft, wie sie von Euch angewandt worden, ehe die glorreiche Revolution Eure Anstrengungen mit dem Siege gekrönt hat. Mit neidlosem Stolz empfinden wir den Sieg der Bolschewiki als unseren Sieg, und wir würden uns freudig zu Euch bekennen, wenn unsere Reihen nicht arg gelichtet wären und viele von uns – und wahrlich nicht die Schlechtesten – hinter den Mauern des Gefängnisses schmachteten,, wie die Genossin Rosa Luxemburg, oder hinter den Mauern des Zuchthauses, wie der Genosse Karl Liebknecht.

Könnte ich wenigstens bessere Kunde von dem Leben innerhalb der deutschen Arbeiterwelt senden! Aber der Regierungssozialismus frisst noch immer wie ein Ölfleck um sich, sosehr er moralisch und politisch abgewirtschaftet haben mag und täglich mehr abwirtschaftet. Es ist noch das wenigste, dass er, unter dem Schutze des Belagerungszustandes, durch allerhand schäbige Kniffe und Pfiffe nahezu sämtliche Arbeiterblätter an sich gerissen hat und täglich durch hundert Röhren sein Gift und seinen Schmutz in die proletarischen Massen gießen kann. Ungleich bedenklicher ist, dass diese Massen dem Regierungssozialismus ein Entgegenkommen zeigen, das ihm nun schon in drei Wahlschlachten ermöglicht hat, die Unabhängige Sozialdemokratie aufs Haupt zu schlagen.

Zwar bei der ersten dieser Wahlschlachten, die nun schon um Jahr und Tag zurückliegt, ließen sich die Dinge noch zur Not erklären. Es handelte sich um den Wahlkreis Potsdam-Spandau-Osthavelland, den Karl Liebknecht 1912 zum ersten Male und auch nur durch eine Zufallsmehrheit erobert hatte. Dass sich nun bei der Ersatzwahl alle bürgerlichen Parteien dem Regierungssozialismus vorspannten, um die Wahl eines „Liebknechtianers“ von der preußischen Residenzstadt Potsdam abzuwenden, war begreiflich und eher eine Schande als ein Triumph für die Regierungssozialisten. Jedoch anders lag die Sache in den Wahlkreisen Niederbarnim und Zwickau-Crimmitschau, in denen kürzlich Ersatzwahlen für die verstorbenen Abgeordneten Stadthagen und Stolle stattfanden, zwei Mitglieder der Unabhängigen Sozialdemokratie. Beide Wahlkreise gehören zum ältesten Besitze der Partei, sie waren immer radikal vertreten, und in beiden stellten die bürgerlichen Parteien eigene Kandidaten auf, so dass die Entscheidung allein zwischen den Regierungssozialisten und Unabhängigen lag. Gleichwohl siegten die Regierungssozialisten spielend, was auf der Gegenseite begreiflicherweise einen niederziehenden Eindruck machte.

Gewiss darf man dabei nicht übersehen, dass mit sehr ungleichen Waffen gekämpft wurde. Den Unabhängigen fehlte Press- und Versammlungsfreiheit, fehlte jede wirksame Waffe der Wahlagitation, während die Regierungssozialisten mit alledem reichlich versehen waren. Aber wie gewichtig man diesen Unterschied einschätzen mag, so reicht er doch nicht entfernt aus, um die Schwere der Niederlage zu erklären; unter dem Sozialistengesetz sind unter ebenso ungünstigen oder noch ungünstigeren Umständen oft genug sozialdemokratische Siege erfochten worden. Die wirkliche Ursache des Übels liegt tiefer; sie hat sich in diesen Wahlen nur offenbart wie vorher schon in manchen Anzeichen; der Unabhängigen Sozialdemokratie fehlt es an der Stoß- und Werbekraft, deren es bedarf, um Arbeitermassen um sich zu scharen und fortzureißen.

Als Personen darf man ihren Mitgliedern nichts Übles nachsagen; es sind sehr tüchtige Kräfte darunter, und sie alle wollen gewiss das Beste. Aber als Partei sind sie unter keinem günstigen Stern geboren. Sie haben sich viel zu spät und viel zu zögernd von dem Regierungssozialismus getrennt, an dessen Sünden sie allzu lange teilgenommen haben; sie haben sich auch gar nicht auf Grund einer gemeinsamen und klaren Überzeugung zusammengetan, sondern in vielen und darunter auch wichtigen Fragen gehen ihre Ansichten auseinander; was sie verbindet, ist nicht die Parole: Vorwärts, sondern die Parole: Zurück!

Sie wollen ihre alte deutsche Sozialdemokratie wiederhaben, wie sie bis zum 4. August 1914 war. Sie wollen zurück zur „alten bewährten Taktik“ mit den „glänzenden Siegen“ von Reichstagswahl zu Reichstagswahl und den siegreichen Schlachten gegen den „Revisionismus“ von Parteitag zu Parteitag. Dieses eigentümliche Ziel der Unabhängigen Sozialdemokratie ist aber nichts als eine Utopie und eine reaktionäre dazu. Sie will einen Leichnam ausgraben und zu neuem Leben schminken. Die ehemalige deutsche Sozialdemokratie mit ihrer „alten bewährten Taktik“ ruht unter «den zermalmenden Rädern des kapitalistischen Triumphwagens. Sie existiert nicht mehr; es gibt nur noch eine deutsche Sozialdemokratie, wie sie im August 1914 geworden ist.

Dieser Sehnsucht der Unabhängigen Sozialdemokraten nach einer Vergangenheit, die niemals wiederkehren wird, entspricht ihre völlige Blindheit für die treibenden Kräfte der Gegenwart. Den Schmerz über die Niederlage in Niederbarnim versüßten sie sich durch eine heftige Fehde gegen die Bolschewiki, die in ihrer Presse der Menschewik A. Stein und neben oder vielmehr über ihm der große Theoretiker K. Kautsky führten. Eine wahrhaft antike Heldentat und ein staatsmännischer Tiefsinn, über den sich Marx, könnte er es erfahren, dreimal im Grabe umdrehen würde. Es ist überhaupt bezeichnend für die Partei, dass sie in Kautsky einen heiligen Propheten verehrt, obgleich sie mindestens seit dem 4. August 1914 wissen muss, dass dieser gelehrte Schulmeister auch nicht über die leiseste Spur von Marxens revolutionärem Geiste verfügt.

Aus alledem ergibt sich, dass die Unabhängige Sozialdemokratie keine Stoß- und Werbekraft in der deutschen Arbeiterklasse entfalten kann. Die Arbeiter wissen sehr genau, was die Solidarität ihrer Klasse für sie bedeutet; wenn sie sich mit einer Spaltung ihrer Partei befreunden sollen, so wollen sie wissen, wofür sie diesen in ihren Augen hohen und mit Recht hohen Preis zahlen. Mit einer reaktionären Utopie ist ihnen dann nicht gedient, selbst wenn diese Utopie zu verwirklichen wäre, so stände man nicht am Ende der Krise, sondern immer erst an ihrem Anfange. Denn der Krach vom 4. August 1914 ist nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel gefallen, sondern er war die Folge eines langen Siechtums, das trotz aller glänzenden Außenseiten an der Partei zehrte, und ihre Wiederherstellung in den damaligen Stand der Dinge würde nur die Wiederherstellung dieses Siechtums sein. Gewiss kann sich die Unabhängige Sozialdemokratie darauf berufen, dass sie die Spaltung nicht gewollt hat, sondern halb mit Gewalt aus der Partei gedrängt worden ist, aber es ist die Folge ihrer unentschiedenen und zwieschlächtigen Politik, dass die Massen ihr den Rücken kehren, weil sie in ihr die Urheberin einer Parteizerrissenheit sehen, die weder einen rechten Zweck noch ein rechtes Ziel hat. In der Tat – was ist damit gewonnen, wenn die Regierungssozialisten sagen: Wir bewilligen die Kriegskredite, aber beileibe nicht aus prinzipiellen Gründen, und wenn die Unabhängigen sagen: Wir verweigern die Kriegskredite, aber beileibe nicht aus prinzipiellen Gründen. Das Ja wie das Nein entspringt doch demselben Wunsche, den Pelz des Bären zu waschen, ohne ihn nass zu machen.

Soweit die Ersatzwahlen einen Schluss zulassen, kann die Unabhängige Sozialdemokratie von den 28 Reichstagsmandaten, über die sie vor Jahr und Tag verfügte, höchstens noch auf 2 oder 3 mit Sicherheit rechnen. Das wäre an sich noch kein Unglück, aber da sie „gemäß der alten bewährten Taktik“ vorwiegend eine parlamentarische Partei ist, so ist es doch ein unheimliches Vorzeichen kommender Dinge. Schon der Selbsterhaltungstrieb und, wie wir aufrichtig annehmen, auch ihr Pflichtgefühl wird sie um so mehr anspornen, „gemäß ihrer alten bewährten Taktik“ zu kämpfen; nur wer sich einbildet, dass sie über die Grenzen dieser Taktik heraus einen Finger rühren wird, und sei es um die höchsten Güter der Menschheit, der huldigt einer Illusion, die ihm um so verhängnisvoller werden wird, je größer die Luftschlösser sind, die er auf diesem Flugsande erbaut.

Im schroffsten Gegensatz zu der Unabhängigen Sozialdemokratie hat die Gruppe Internationale vom Beginn des Weltkrieges an allen Selbsttäuschungen den Laufpass gegeben und sich in ihren „Leitsätzen“1 und sonstigen programmatischen Kundgebungen niemals der Erkenntnis verschlossen, dass nach dem entsetzlichen Zusammenbruch des 4. August 1914 nur ein völliger Neubau der Internationale möglich und nötig sei. Anfangs von allen Seiten angefeindet und verfolgt, und nicht zum wenigsten von den gegenwärtigen Häuptern der Unabhängigen – haben wir immer das Glück gehabt, offene Ohren und Herzen bei den Arbeitern zu finden und denselben Opfermut, den einst ihre Väter unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes bewiesen haben. Nur in einem haben wir uns getäuscht: nämlich als wir uns nach der Gründung der Unabhängigen – selbstverständlich unter Wahrung unseres selbständigen Standpunktes – ihr organisatorisch anschlossen, in der Hoffnung, sie vorwärts treiben zu können. Diese Hoffnung haben wir aufgeben müssen; alle Anläufe dieser Art scheiterten daran, dass unsere besten und erprobtesten Leute von Führern der Unabhängigen als Lockspitzel verdächtigt wurden, was auch ein liebes Erbteil der „alten bewährten Taktik“ ist.

Darüber könnte man schließlich die Achseln zucken, aber was unseren Leuten den Geduldfaden gerissen hat, das ist der sinnlose Kampf, den Kautsky und Kompanie gegen die Bolschewiki führen. Wir begreifen den zitternden Unwillen dieses Denkers darüber, dass die Bolschewiki so weit die Grenzen der „alten bewährten Taktik“ überschritten haben, aber man konnte einen Schimmer Hoffnung hegen, dass er aus seinem Marx, den er nach seiner eigenen Angabe auswendig kennt und ganz gewiss wortgetreu herzusagen vermag, gelernt haben würde, es schicke sich nicht für

Leute, die ruhig und sicher im Auslande sitzen, zur Freude der Bourgeoisie und der Regierungen die Stellung revolutionärer Kämpfer zu erschweren, die unter den schwierigsten Verhältnissen und großen persönlichen Opfern wirken.

Indessen hat es nicht sollen sein, und so gebe ich mit diesem Schreiben gern dem Wunsche nach, der aus den Kreisen der Gruppe Internationale in der letzten Zeit wieder und wieder an mich herangetreten ist: dem Wunsche, den russischen Freunden und Gesinnungsgenossen zu sagen, dass wir uns durch alle Bande leidenschaftlicher und tief er Sympathie mit ihnen verknüpft fühlen und dass wir in ihnen – und nicht etwa in den Gespenstern der „alten bewährten Taktik“ – die kraftvollen Vorkämpfer der neuen Internationale bewundern, jener Internationale, von der es in unseren Leitsätzen heißt: „Das Vaterland der Proletarier, dessen Verteidigung alles andere untergeordnet werden muss, ist die sozialistische Internationale.“

Berlin, 3. Juni 1918. Mit Gruß und Handschlag

Euer Franz Mehring

(Quelle: Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Reihe II, Bd. 2, Dietz Verlag, Berlin/DDR, 1957, S. 158-162.)

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