Imperialismus und Arbeiterimmigration

Bildergebnis für arbeiterimmigration

An der „Ein- und Auswanderungsfrage“ stehen sich die opportunistische und revolutionäre Haltung unversöhnlich gegenüber. So versuchten die Opportunisten in der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung schon auf dem Internationalen Sozialistenkongress der II. Internationale in Stuttgart im Jahr 1907 ihre falsches, proimperialistisches Gedankengut festzuschreiben. W.I. Lenin schreibt dazu in seinem Artikel „Der Internationale Sozialistenkongress in Stuttgart“ von September/Oktober 1907 folgendes (Lenin-Werke Band 13, S. 71 und 81): „Auch in der Frage der Ein- und Auswanderung sind in der Kommission des Stuttgarter Kongresses die Meinungsverschiedenheiten zwischen Opportunisten und Revolutionären mit aller Deutlichkeit zutage getreten. Die ersten trugen .sich mit dem Gedanken, das Obersiedlungsrecht der rückständigen, unentwickelten Arbeiter, insbesondere der Japaner und Chinesen, zu beschränken. Der Geist zünftlerisch beschränkter Abgeschlossenheit, trade-unionistischer Exklusivität war bei solchen Leuten stärker als das Bewußtsein der sozialistischen Aufgaben: Aufklärung und Organisierung der von der Arbeiterbewegung noch nicht erfaßten Schichten des Proletariats. Der Kongreß lehnte alle dahingehenden Bestrebungen ab. Selbst in der Kommission gab es nur ganz vereinzelte Stimmen zugunsten einer Beschränkung der Übersiedlungsfreiheit, und die Resolution des Internationalen Kongresses ist von der Anerkennung.des solidarischen Klassenkampfes der Arbeiter aller Länder bestimmt.“

Hier ist dann die Resolution im Wortlaut abgedruckt, bei der der revolutionäre Standpunkt durchgesetzt wurde:

Resolution zur „Ein- und Auswanderung“ des Internationalen Sozialistenkongresses in Stuttgart 1907:

Bildergebnis für internationaler sozialistenkongress stuttgart 1907Der Kongress erklärt:

Die Ein- und Auswanderung der Arbeiter sind vom Wesen des Kapitalismus ebenso unzertrennliche Erscheinungen wie die Arbeitslosigkeit, Überproduktion und Unterkonsum der Arbeiter. Sie sind oft ein Mittel, den Anteil der Arbeiter an der Arbeitsproduktion herabzusetzen und nehmen zeitweise durch politische, religiöse und nationale Verfolgungen anormale Dimensionen an. Der Kongreß vermag ein Mittel zur Abhilfe der von der Aus- und Einwanderung für die Arbeiterschaft etwa drohenden Folgen nicht in irgendwelchen ökonomischen oder politischen Ausnahmemaßregeln zu erblicken, da diese fruchtlos und ihrem Wesen nach reaktionär sind, also insbesondere nicht in einer Beschränkung der Freizügigkeit und in einem Ausschluß fremder Nationalitäten oder Rassen.

Dagegen erklärt es der Kongreß für eine Pflicht der organisierten Arbeiterschaft, sich gegen die im Gefolge des Massenimportes unorganisierter Arbeiter vielfach eintretende Herabdrückung ihrer Lebenshaltung zu wehren, und erklärt es außerdem für ihre Pflicht, die Ein- und Ausfuhr von Streikbrechern zu verhindern. Der Kongress erkennt die Schwierigkeiten, welche in vielen Fällen dem Proletariat eines auf hoher Entwicklungsstufe des Kapitalismus stehenden Landes aus der massenhaften Einwanderung unorganisierter und niederer Lebenshaltung gewöhnter Arbeiter aus Ländern mit vorwiegend agrarischer und landwirtschaftlicher Kultur erwachsen, sowie die Gefahren, welche ihm aus einer bestimmten Form der Einwanderung entstehen, Er sieht jedoch in der übrigens auch vom Standpunkt der proletarischen Solidarität verwerflichen Ausschlie- ßung bestimmter Nationen oder Rassen von der Einwanderung kein geeignetes Mittel, sie zu bekämpfen. Er empfiehlt daher folgende Maßnahmen:

 

  1. Für das Land der Einwanderung
  2. Verbot der Aus- und Einfuhr derjenigen Arbeiter, welche einen Kontrakt geschlossen haben, der ihnen die freie Verfügung über ihre Arbeitskraft wie ihre Löhne nimmt.
  3. Gesetzlichen Arbeiterschutz durch Verkürzung des Arbeitstages, Einführung eines Minimallohnsatzes, Regelung des Sweating-Systems und Abschaffung der Heimarbeit, strenge Aufsicht über die Wohnungsverhältnisse.
  4. Abschaffung aller Beschränkungen, welche bestimmte Nationalitäten oder Rassen vom Aufenthalt in einem Lande und den sozialen, politischen und ökonomischen Rechten der Einheimischen ausschließen oder sie ihnen erschweren, weitgehende Erleichterung der Naturalisation.
  5. Für die Gewerkschaften aller Länder sollen dabei folgende Grundsätze allgemeine Geltung haben: a) Uneingeschränkter Zutritt der eingewanderten Arbeiter in die Gewerkschaften aller Länder, b) Erleichterung des Eintritts durch Festsetzung angemessener Eintrittsgelder, c) unentgeltlicher Übertritt von einer Landesorganisation in die andere bei vorheriger Erfüllung aller Verbindlichkeiten in den bisherigen Landesorganisation, d) Erstrebung internationaler gewerkschaftlicher Kartelle, durch die eine internationale Durchführung dieser Grundsätze und Notwendigkeiten ermöglicht wird.
  6. Unterstützung der Gewerk-schaftsorganisationen derjenigen Länder, aus denen sich die Einwanderung in erster Linie rekrutiert.

 

  1. Für das Auswanderungsland:
  2. Regste gewerkschaftliche Agitation.
  3. Belehrung der Arbeiter und der Öffentlichkeit über den wahren Stand der Arbeitsverhältnisse in den Einwanderungsländern.
  4. Reges Einvernehmen der Gewerkschaften mit denen des Einwanderungslandes behufs gemeinsamen Vorgehens in der Frage der Ein- und Auswanderung.
  5. Da die Arbeiterauswanderung außerdem oft durch Eisenbahn- und Dampfschiffsgesellschaften, durch Landspekulanten und andere Schwindelunternehmungen, durch Erteilung falscher erlogener Versprechungen an die Arbeiter künstlich simuliert wird, verlangt der Kongreß: Überwachung der Schaffsagenturen, der Auswanderungs-bureaus, eventuell gesetzliche oder administrative Maßnahmen gegen diese, um zu verhindern, daß die Auswanderung für die Interessen solcher kapitalistischen Unternehmungen mißbraucht werden.

 

III. Transportwesen

Neuregelung des Transportwesens, insbesondere auf den Schiffen, Überwachung er Bestimmungen durch Inspektoren mit Disziplinargewalt, welche aus den Reihen der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter des Einwanderungs- sowie des Auswanderungslandes zu bestellen sind, Fürsorge für neuankommende Einwanderer, damit sie nicht von vornherein der Ausbeutung durch die Schmarotzer des Kapitals anheimfallen. Da der Transport von Auswanderern nur auf internationaler Basis geregelt werden kann, beauftragt der Kongreß das Internationale sozialistische Bureau, Vorschläge zur Neuregelung dieser Materie auszuarbeiten, in denen die Einrichtung und Ausrüstung der Schiffe sowie der Luftraum zu normieren ist, welcher auf jeden Auswanderer als Minimum zu entfallen hat, und dabei besonders Gewicht darauf zu legen, daß die einzelnen Auswanderer die Passage direkt mit der Unternehmung vereinbaren, ohne Intervention irgendwelcher Zwischenunternehmer. Diese Vorschläge sind den Parteileitungen behufs legislativer Verwendung sowie Propaganda mitzuteilen.

Quelle: Grohmann, Peter u.a. (Hrsg.): Der internationale Sozialistenkongress Stuttgart 1907. Teil 1, Protokolle. Stuttgart1977. S. 57-59 und 113-120

 

Ein weiterer Meilenstein bei der Festlegung des Standpunkts der revolutionären Arbeiterbewegung in der Frage der Arbeitsmigration, ist W.I. Lenins Artikel „Kapitalismus und Arbeiterimmigration“ vom Oktober 1913, der hier in Auszügen wiedergegeben wird (Lenin-Werke Band 19, S. 447-450):

WI Lenin

W.I. Lenin:

KAPITALISMUS UND ARBEITERIMMIGRATION

Der Kapitalismus hat eine besondere Art der Völkerwanderung entwickelt. Die sich industriell rasch entwickelnden Länder, die mehr Maschinen anwenden und die zurüdkgebliebenen Länder vom Weltmarkt verdrängen, erhöhen die Arbeitslöhne über den Durchschnitt und locken die Lohnarbeiter aus den zurückgebliebenen Ländern an.

Hunderttausende von Arbeitern werden auf diese Weise Hunderte und Tausende Werst weit verschlagen. Der fortgeschrittene Kapitalismus zieht sie gewaltsam in seinen Kreislauf hinein, reißt sie aus ihrem Krähwinkel heraus, macht sie zu Teilnehmern an einer weltgeschichtlichen Bewegung, stellt sie der mächtigen, vereinigten, internationalen Klasse der Industriellen von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

Es besteht kein Zweifel, daß nur äußerstes Elend die Menschen veranlaßt, die Heimat zu verlassen, und daß die Kapitalisten die eingewanderten Arbeiter in gewissenlosester Weise ausbeuten. Doch nur Reaktionäre können vor der fortschrittlichen Bedeutung dieser modernen Völkerwanderung die Augen verschließen. Eine Erlösung vom Joch des Kapitals ohne weitere Entwicklung des Kapitalismus, ohne den auf dieser Basis geführten Klassenkampf gibt es nicht und kann es nicht geben. Und gerade in diesen Kampf zieht der Kapitalismus die werktätigen Massen der ganzen Welt hinein, indem er die Muffigkeit und Zurückgebliebenheit des lokalen Lebens durchbricht, die nationalen Schranken und Vorurteile zerstört und Arbeiter aller Länder in den großen Fabriken und Gruben Amerikas, Deutschlands usw. miteinander vereinigt.

Amerika steht an der Spitze der Länder, die Arbeiter importieren. […]

Der Umfang der Auswanderung hat gewaltig zugenommen und verstärkt sich ständig. In den fünf Jahren von 1905 bis 1909 sind durchschnittlich über eine Million Menschen im Jahr nach Amerika (es handelt sich hier nur um die Vereinigten Staaten) übergesiedelt.

Interessant ist dabei die Veränderung in der Zusammensetzung der Einwanderer (der Immigranten, d. h. sich in Amerika Ansiedelnden). Bis zum Jahre 1880 überwog die sogenannte alte Immigration, aus den alten Kulturländern England, Deutschland, zum Teil Schweden. Sogar bis 1890 haben England und Deutschland zusammen mehr als die Hälfte aller Immigranten gestellt.

Mit dem Jahre 1880 beginnt eine unglaublich rasche Zunahme der sogenannten neuen Immigration, aus dem östlichen und südlichen Europa, aus Österreich, Italien und Rußland. […]

So wird den zurückgebliebensten Ländern der Alten Welt, die in ihrer ganzen Lebensordnung die meisten Überreste der Leibeigenschaft bewahrt haben, sozusagen gewaltsam Zivilisation beigebracht. Der amerikanische Kapitalismus entreißt Millionen von Arbeitern des zurückgebliebenen Osteuropa (und darunter Rußlands, das 594.000 Immigranten in den Jahren 1891-1900 und 1.410.000 in den Jahren 1900-1909 stellte), ihren halb mittelalterlichen Verhältnissen und stellt sie in die Reihen der fortgeschrittenen, internationalen Armee des Proletariats.

Eine interessante Beobachtung macht Hourwich, der Verfasser des höchst lehrreichen, im vorigen Jahr in englischer Sprache erschienenen Buches „Einwanderung und Arbeit“. Nach der Revolution von 1905 stieg die Zahl der Auswanderer nach Amerika besonders stark (1905 – 1 Mill-, 1906 – 1,2 Mill., 1907 – 1,4 Mill., 1908-1909 – je 1,9 Millionen). Die Arbeiter, die in Rußland zahlreiche Streiks mitgemacht hatten, haben den Geist kühnerer, offensiver Massenstreiks auch nach Amerika getragen.

Rußland bleibt immer mehr zurück und gibt einen Teil seiner besten Arbeiter ans Ausland ab; Amerika schreitet immer rascher vorwärts und nimmt der ganzen Welt die energischste, arbeitsfähigste Arbeiterbevölkerung weg.

Deutschland, das mit Amerika mehr oder weniger Schritt hält, verwandelt sich aus einem Land, das Arbeiter abgegeben hat, in ein Land, das fremde Arbeiter heranzieht. Die Zahl der deutschen Immigranten in Amerika, die in dem Jahrzehnt von 1881 bis 1890 auf 1.453.000 angestiegen war, fiel in den neun Jahren von 1901 bis 1909 auf 310.000. Dagegen betrug die Zahl der ausländischen Arbeiter in Deutschland in den Jahren 1910/1911 695.000 und in den Jahren 1911/1912 729.000. […]

Je zurückgebliebener ein Land, desto mehr ungelernte, landwirtschaftliche Arbeiter liefert es. Die fortgeschrittenen Nationen reißen sozusagen die besten Verdienstmöglichkeiten an sich und überlassen die schlechteren den wenig zivilisierten Ländern. Europa im allgemeinen (die „übrigen Länder“) liefert Deutschland 157.000 Arbeiter, davon über 8/10 (135.000 von 157.000) Industriearbeiter. Das rückständige Österreich liefert nur 6/10 (162.000 von 263.000) Industriearbeiter, das am meisten zurückgebliebene Rußland nur 1/10 Industriearbeiter (34.000 von 308.000).

Rußland muß also überall und in jeder Hinsicht für seine Rückständigkeit büßen. Doch die Arbeiter Rußlands befreien sich, verglichen mit der übrigen Bevölkerung, immer mehr aus dieser Rückständigkeit und Kulturlosigkeit, sie leisten diesen „lieblichen“ Zügen ihrer Heimat am meisten Widerstand, schließen sich am engsten mit den Arbeitern aller Länder zueiner weltumspannenden, befreienden Kraft zusammen.

Die Bourgeoisie hetzt die Arbeiter der einen Nation gegen die der andern auf und sucht sie zu trennen. Die klassenbewußten Arbeiter, die begreifen, daß die Zerstörung aller nationalen Schranken durch den Kapitalismus unumgänglich und fortschrittlich ist, bemühen sich, die Aufklärung und Organisierung ihrer Genossen aus den zurückgebliebenen Ländern zu unterstützen.

 

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