Sturz der Regierung! oder: Faschismus und Krieg

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Die Kapitalisten wollen keinen Faschismus, sie müssen ihn wollen. Kein Mensch, nicht einmal die Kapitalisten selbst, vermögen zu sagen, wann sie ihn wollen müssen. Wann ihre Ökonomie so weit heruntergewirtschaftet ist, ihre bürgerliche Demokratie so weit zersetzt ist, dass das Volk anfängt mit der Revolution zu sympathisieren. Wann sie als letzten Ausweg, um ihre Klassenherrschaft aufrecht zu erhalten, auf den Faschismus an der Macht setzen müssen. Das kann sehr lang dauern, oder es kann sehr schnell geschehen. 

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Bertolt Brecht: Faschismus und Kapitalismus

 Die Geschäfte des Kapitalismus sind nun in verschiedenen Ländern (ihre Zahl wächst) ohne Roheit nicht mehr zu machen. Manche glauben noch, es ginge doch; aber ein Blick in ihre Kontobücher wird sie früher oder später vom Gegenteil überzeugen. Das ist nur eine Zeitfrage.

Es kann in einem Aufruf gegen den Faschismus keine Aufrichtigkeit liegen, wenn die gesellschaftlichen Zustände, die ihn mit Naturnotwendigkeit erzeugen, in ihm nicht angetastet werden. Wer den Privatbesitz an Produktionsmitteln nicht preisgeben will, der wird den Faschismus nicht loswerden, sondern ihn brauchen.

Ich weiß natürlich, daß solche Wörter wie Privatbesitz an Produktionsmitteln unschöne, wenig romantische, gar nicht poetische Wörter sind. Aber niemand von uns denkt daran, diese Wörter ihrer Schönheit wegen zu verwenden. Sie sind nur nötig. Das heißt: das zu sagen, was sie sagen, ist nötig. Und vor die Wahl gestellt, so unschöne und trockene und doktrinäre Wörter zu gebrauchen und von so niedrigen Dingen, wie dem Erwerb des Unterhalts und der Möglichkeit, sich satt zu essen, zu reden oder den Faschismus siegen zu lassen, sollte man sich für sie entscheiden.

Aber um in seinem Entscheidungskampf mit seinem Proletariat einzutreten, muß der Kapitalismus sich aller, auch der letzten Hemmungen entledigen und alle seine eigenen Begriffe, wie Freiheit, Gerechtigkeit, Persönlichkeit selbst Konkurrenz, einen nach dem anderen über Bord werfen. So tritt eine einstmals große und revolutionäre Ideologie in der niedrigsten Form gemeinen Schwindels, frechster Bestechlichkeit, brutalster Feigheit, eben in faschistischer Form, zu ihrem Endkampf an, und der Bürger verläßt den Kampfplatz nicht, bevor er seine allerdreckigste Erscheinungsform angenommen hat.

Warum ist es erschreckend, daß es dem geistigen Arbeiter erst gesagt werden muß, daß das Verbot von 14 kommunistischen Zeitungen ihn zu einem Wutschrei veranlassen müßte? Es ist erschreckend, weil es hier, wo die Stätte der Wahrheit und der Entwicklung geschlossen wurde, niemals gesehen worden war, und daß, als die Wahrheit verboten wurde, nichts verboten wurde, was er je gesagt hätte oder je sagen würde. Ihn betrifft das Verbot der Wahrheit nicht. Er hat nichts mit Wahrheit zu tun. Er schreibt, was keinen Wert hat, also wird es nicht verboten, was er schreibt. Was soll der geistige Arbeiter tun? Die Polizei verbietet die Wahrheit, und die Zeitungen bezahlen die Lüge!

Aus: Aufsätze über den Faschismus. 1933 bis 1939.

In: Bertolt Brecht, Gesammelte Werke Band 20, Frankfurt/Main, 1967, S. 188 f.

 

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