Auf dem Weg der ISKRA zur Schaffung der Kommunistischen Partei

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Auf dem Weg der ISKRA zur Schaffung der Kommunistischen Partei

„Es fehlt uns an Organisation. Die Arbeitermasse ist bereits in Bewegung und ist bereit, den sozialistischen Führern zu folgen, dem „Generalstab“ aber ist es noch nicht gelungen, eine .starke Kerntruppe zu organisieren, die alle vorhandenen Kräfte der klassenbewußten Arbeiter richtig verteilt und die konspirative (geheime) Organisation der Sache so sichert, daß die vorher aufgestellten Aktionspläne nicht nur den Behörden, sondern auch allen außerhalb der Organisation Stehenden unbekannt bleiben. Diese Organisation muß eine revolutionäre Organisation sein: sie muß aus Menschen bestehen, die die Aufgaben der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung ganz klar erkennen und zum beharrlichen Kampf gegen das gegenwärtige politische Regime entschlossen sind, sie muß die sozialistischen Kenntnisse und die revolutionären Erfahrungen, die sich die russische revolutionäre Intelligenz aus den Lehren vieler Jahrzehnte erarbeitet hat, vereinigen mit der Kenntnis des Arbeitermilieus und mit der den fortgeschrittenen Arbeitern eigenen Fähigkeit, unter den Massen zu agitieren und sie zu führen. Was wir vor allem und in erster Linie anstreben müssen, ist nicht, eine künstliche Scheidewand zwischen Intellektuellen und Arbeitern zu errichten, nicht, eine „reine Arbeiterorganisation zu schaffen, sondern eben die erwähnte Vereinigung.“ W.I. Lenin, Vorwort zu der Broschüre „Die Maitage in Charkow“ (November 1900, LW Band 4, S. 358-359)

 

W.I. Lenin entwirft hier (in den Tagen des Jahres 1900) die Notwendigkeit des Baus einer gesamtrussischen illegalen marxistischen Zeitung, die mit der ISKRA („Funke“) dann auch geschaffen worden ist. Diese Gedanken Lenins sind gerade in der Situation, in der die revolutionäre und kommunistische Bewegung in der BRD heute steht, sehr aufschlussreich (wenn auch die Situation nicht quantitativ, so doch aber wohl qualitativ vergleichbar ist). Daher wird hier im Anschluss das grundlegende Werk von W.I. Lenin „Entwurf einer Ankündigung der Redaktion der „Iskra“ und der „Sarja““ (Frühjahr 1900, LW Band 4, S. 316-327) abgedruckt und die Lektüre des Artikels „Die dringendsten Aufgaben unserer Bewegung“ (Leitartikel der Nr. 1 der Iskra vom November 1900, LW Band 4, S. 365-370) empfohlen. Welcher neue Typus der Parteiorganisation W.I. Lenin vorschwebt, ist in seinem klassischen Werk „Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung“ (Februar 1902, LW Band 5, S. 355-551) und im Kapitel VIII. Die Partei von J.W. Stalins Werk „Über die Grundlagen des Leninismus“ (Mai 1924, Stalin-Werke, Band 6, S. 149-164) zu ersehen.

WI Lenin

W.I. Lenin:

ENTWURF EINER ANKÜNDIGUNG DER REDAKTION DER „ISKRA“ UND DER „SARJA“

(Frühjahr 1900)

 

Im Begriff, zwei sozialdemokratische Organe, eine wissenschaftlich-politische Zeitschrift und eine gesamtrussische Arbeiterzeitung, herauszugeben, halten wir es für notwendig, einige Worte über unser Programm zu sagen, über das, was wir anstreben und wie wir unsere Aufgaben auffassen.

Wir leben in einem äußerst bedeutungsvollen Zeitpunkt der Geschichte der russischen Arbeiterbewegung und der russischen Sozialdemokratie; alles scheint darauf hinzuweisen, daß sich unsere Bewegung in einem kritischen Stadium befindet: sie hat sich so weit ausgebreitet und in den verschiedensten Ecken Rußlands so viele gesunde Triebe hervorgebracht, daß sich jetzt mit unaufhaltsamer Kraft ihr Bestreben geltend macht, sich zu festigen, eine höhere Form anzunehmen, ein bestimmtes Gesicht und eine bestimmte Organisation herauszuarbeiten. In der Tat, die letzten Jahre sind durch eine erstaunlich rasche Verbreitung der Ideen des Sozialdemokratismus in unserer Intelligenz gekennzeichnet, und dieser Strömung des gesellschaftlichen Denkens kommt die völlig selbständige, spontane Bewegung des Industrieproletariats entgegen, das sich zu vereinigen und gegen seine Unterdrücker zu kämpfen beginnt und dabei ein leidenschaftliches Streben zum Sozialismus offenbart, überall entstehen Zirkel von Arbeitern und sozialdemokratischen Intellektuellen, es erscheinen lokale, der Agitation dienende Flugblätter, die Nachfrage nach sozialdemokratischen Schriften wächst, das Angebot bei weitem überholend — und auch die verstärkten Repressalien der Regierung sind nicht imstande, diese Bewegung aufzuhalten.

Die Gefängnisse sind brechend voll, die Verbannungsorte überfüllt, fast jeden Monat hört man von „hochgegangenen“ Sozialisten an allen Ecken und Enden Rußlands, von abgefangenen Transporten, von verhafteten Agitatoren, von beschlagnahmten Druckschriften und Druckereien — aber die Bewegung kommt nicht zum Stillstand, sondern wächst immer mehr an, sie erfaßt ein immer größeres Gebiet, dringt immer tiefer in die Arbeiterklasse ein und lenkt mehr und mehr die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Und die gesamte wirtschaftliche Entwicklung Rußlands, die ganze Geschichte des gesellschaftlichen Denkens und der revolutionären Bewegung in Rußland bürgen dafür, daß die sozialdemokratische Arbeiterbewegung, allen Hindernissen zum Trotz, wachsen und die Hindernisse überwinden wird.

Das Hauptmerkmal unserer Bewegung, das in letzter Zeit besonders in die Augen springt, ist ihre Zersplitterung, ihr, wenn man so sagen kann, handwerklerischer Charakter: lokale Zirkel entstehen und wirken fast völlig unabhängig von den Zirkeln anderer Orte und sogar (was besonders wichtig ist) von Zirkeln, die gleichzeitig in denselben Zentren tätig waren und tätig sind; es wird keine Tradition und keine Kontinuität geschaffen, und die örtlichen Publikationen widerspiegeln voll und ganz diese Zersplitterung, diese mangelnde Verbindung mit dem, was die russische Sozialdemokratie bereits geschaffen hat. Uns scheint die jetzige Periode gerade deshalb kritisch, weil die Bewegung über diese Handwerklerei und diese Zersplitterung hinauswächst und den Übergang zu einer höheren, geschlosseneren, besser und stärker organisierten Form, die zu schaffen wir für unsere Pflicht halten, dringend verlangt. Selbstverständlich ist in einer gewissen Periode der Bewegung, zu ihrem Beginn, eine solche Zersplitterung ganz unvermeidlich, und die mangelnde Kontinuität ist bei einem so erstaunlich schnellen und allgemeinen Wachstum der Bewegung nach der langen Periode revolutionärer Flaute eine durchaus natürliche Erscheinung. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß die Mannigfaltigkeit der lokalen Bedingungen, die Verschiedenartigkeit der Lage der Arbeiterklasse in den einzelnen Gebieten und schließlich auch die Besonderheiten in den Anschauungen der an den einzelnen Orten tätigen Genossen immer bestehen werden und daß gerade diese Mannigfaltigkeit von der Lebenskraft der Bewegung und ihrem gesunden Wachstum zeugt. Das alles ist richtig, aber die Zersplitterung und die Unorganisiertheit sind durchaus keine notwendige Folge dieser Mannigfaltigkeit.

Die Wahrung der Kontinuität der Bewegung, ihre Zusammenfassung schließen durchaus nicht die Mannigfaltigkeit aus, im Gegenteil, sie schaffen ihr sogar weiteren Spielraum und ein freies Betätigungsfeld. Im gegenwärtigen Stadium der Bewegung aber beginnt diese Zersplitterung sich direkt schädlich auszuwirken und droht, die Bewegung auf eine falsche Bahn zu lenken: ein enger Praktizismus, losgerissen von der theoretischen Beleuchtung der Bewegung in ihrer Gesamtheit kann die Verbindung zwischen dem Sozialismus und der revolutionären Bewegung in Rußland einerseits und der spontanen Arbeiterbewegung anderseits zerstören. Daß diese Gefahr keine eingebildete ist, das beweisen solche literarischen Erzeugnisse wie das „Credo“ *, das bereits durchaus berechtigten Protest und Ablehnung hervorgerufen hat, und die „Sonderbeilage zur ,Rabotschaja Mysl'“ (September 1899). In dieser Beilage kommt die Tendenz, von der die ganze Zeitung „Rabotschaja Mysl“ durchdrungen ist, besonders plastisch zum Ausdruck, in ihr beginnt eine besondere Richtung innerhalb der russischen Sozialdemokratie in Erscheinung zu treten, und zwar eine Richtung, die direkten Schaden anrichten kann und die bekämpft werden muß. Die russische legale Literatur aber, mit jener Parodie auf den Marxismus, die das gesellschaftliche Bewußtsein nur zu korrumpieren vermag, steigert noch diese Zerfahrenheit und diese Anarchie, die dem berühmten (durch seinen Bankrott berühmten) Bernstein die Möglichkeit gaben, in seinem Buch vor aller Welt die Lüge zu verkünden, daß die Mehrheit der in Rußland wirkenden Sozialdemokraten hinter ihm stehe.

Es wäre noch verfrüht, ein Urteil darüber zu fällen, wie tief diese Meinungsverschiedenheiten gehen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, daß sich eine besondere Richtung herausbildet (wir sind durdiaus nicht geneigt, diese Frage jetzt schon im bejahenden Sinne zu beantworten und geben die Hoffnung auf die Möglichkeit einer Zusammenarbeit noch keineswegs auf); aber den Ernst der Lage nicht sehen wollen wäre noch viel schädlicher als eine Übertreibung dieser Meinungsverschiedenheiten, und wir begrüßen daher von ganzem Herzen die Wiederaufnahme der literarischen Tätigkeit durch die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ und den von ihr begonnenen Kampf gegen die Versuche, den Sozialdemokratismus zu entstellen und zu verflachen.

Die praktische Schlußfolgerung aus alledem ist folgende: Wir russischen Sozialdemokraten müssen uns vereinigen und alle Anstrengungen auf die Bildung einer einheitlichen und starken Partei richten, die unter dem Banner des revolutionären sozialdemokratischen Programms kämpft, die Kontinuität der Bewegung wahrt und ihre Organisiertheit systematisch fördert. Dies ist keine neue Schlußfolgerung. Zu ihr gelangten die russischen Sozialdemokraten, schon vor zwei Jahren, als die Vertreter der größten sozialdemokratischen Organisationen Rußlands im Frühjahr 1898 zu ihrem Parteitag zusammentraten, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands gründeten, ihr „Manifest“ veröffentlichten und die „Rabotschaja Gaseta“ als das offizielle Organ der Partei anerkannten. Wir bekennen uns als Mitglieder der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands und teilen voll und ganz die Grundideen des „Manifestes“, dem wir als der offenen und öffentlichen Deklaration der Ziele, die unsere Partei anstreben muß, sehr große Bedeutung beimessen. Darum lautet für uns, als Mitglieder der Partei, die Frage nach unseren nächsten und unmittelbaren Aufgaben folgendermaßen: Welchen Aktionsplan müssen wir haben, um eine Wiederherstellung der Partei zu erreichen, die von Bestand ist? Einige Genossen (ja sogar einige Gruppen und Organisationen) sind der Ansicht, daß man zu diesem Zweck die Wahl der zentralen Parteiinstitution erneut vornehmen und diese beauftragen müsse, das Parteiorgan wieder herauszubringen. Wir halten einen solchen Plan für falsch oder zumindest für gewagt. Die Partei schaffen und festigen heißt die Vereinigung aller russischen Sozialdemokraten schaffen und festigen, eine solche Vereinigung aber läßt sich nicht einfach dekretieren, sie kann nicht durch den bloßen Beschluß irgendeiner, sagen wir, Versammlung von Delegierten herbeigeführt, sondern muß entwickelt werden. Entwickelt werden muß erstens eine gemeinsame Parteiliteratur, gemeinsam nicht nur in dem Sinne, daß sie im Dienste der gesamten russischen Bewegung und nicht der einzelnen Gebiete steht, daß sie die Fragen der gesamten Bewegung — und nicht nur lokale Fragen — behandelt und den Kampf der klassenbewußten Proletarier unterstützt, sondern gemeinsam auch in dem Sinne, daß sie alle vorhandenen literarischen Kräfte zusammenfaßt, alle Schattierungen der unter den russischen Sozialdemokraten vertretenen Meinungen und Ansichten zum Ausdruck bringt, und zwar nicht als Meinungen und Ansichten isolierter Parteiarbeiter, sondern als die von Genossen, die durch gemeinsames Programm und gemeinsamen Kampf in den Reihen einer Organisation miteinander verbunden sind. Entwickelt werden muß zweitens eine Organisation, die speziell der Verbindung zwischen allen Zentren der Bewegung, der Beschaffung vollständiger und rechtzeitiger Informationen über die Bewegung und der regelmäßigen Versorgung aller Teile Rußlands mit der periodischen Presse dient. Erst wenn eine solche Organisation geschaffen ist, wenn eine russische sozialistische Post besteht, wird die Partei festen Bestand haben, erst dann wird die Partei zu einer realen Tatsache und folglich auch zu einer mächtigen politischen Kraft werden. Der ersten Hälfte dieser Aufgabe, d. h. der Schaffung einer gemeinsamen Literatur, beabsichtigen wir unsere Kräfte zu widmen, da wir hierin ein dringendes Bedürfnis der gegenwärtigen Bewegung und einen notwendigen vorbereitenden Schritt zur Wiederaufnahme der Tätigkeit der Partei erblicken. Aus diesem Charakter unserer Aufgabe ergibt sich natürlicherweise auch das Programm, das den von uns herausgegebenen Organen als Richtlinie dienen muß. In ihnen muß den theoretischen Fragen, d. h. sowohl der allgemeinen Theorie des Sozialdemokratismus als auch ihrer Anwendung auf die russische Wirklichkeit, viel Platz eingeräumt werden. Daß eine umfassende Behandlung dieser Fragen gerade in der jetzigen Zeit keinen Aufschub duldet, steht außerhalb jedes Zweifels und bedarf nach dem oben Gesagten keiner weiteren Erläuterung. Es versteht sich von selbst, daß in untrennbarer Verbindung mit den Fragen der allgemeinen Theorie der Leser mit der Arbeiterbewegung im Westen, ihrer Geschichte und ihrem gegenwärtigen Stand bekannt gemacht werden muß. Ferner machen wir uns die systematische Erörterung aller politischen Fragen zur Aufgabe: die sozialdemokratische Arbeiterpartei muß auf alle Fragen reagieren, die das Leben auf allen Gebieten aufwirft, auf Fragen sowohl der inneren als auch der internationalen Politik, und wir müssen bestrebt sein, zu erreichen, daß sich jeder Sozialdemokrat und jeder klassenbewußte Arbeiter in allen grundlegenden Fragen eine bestimmte Meinung bildet — ohne diese Bedingung ist eine breitangelegte und planmäßige Propaganda und Agitation unmöglich. Die Erörterung der theoretischen und politischen Fragen wird mit der Ausarbeitung des Parteiprogramms verbunden sein, dessen Notwendigkeit bereits der Parteitag von 1898 anerkannt hat, und in nächster Zeit beabsichtigen wir einen Programm entwurf zu veröffentlichen; seine allseitige Erörterung soll genügend Material für den künftigen Parteitag liefern, dessen Aufgabe, es sein wird, ein Programm anzunehmen. Für eine besonders dringende Aufgabe halten wir ferner die Erörterung der Organisationsfragen und der praktischen Arbeitsmethoden. Die fehlende Kontinuität und die Zersplitterung, von denen oben die Rede war, wirken sich besonders schädlich auf den gegenwärtigen Stand der Parteidisziplin, der Organisation und der konspirativen Technik aus. Es muß rückhaltlos und offen zugegeben werden, daß wir Sozialdemokraten in dieser Hinsicht hinter den alten Kämpfern der russischen revolutionären Bewegung und hinter anderen in Rußland tätigen Organisationen zurückgeblieben sind und daß wir alle Kräfte anspannen müssen, um diese Mängel zu beseitigen. Die Einbeziehung breiter Massen der Arbeiterjugend und der jungen Intelligenz in die Bewegung, das häufiger werdende Auffliegen von Organisationen und die zunehmende Raffinesse der Verfolgungen von Seiten der Regierung machen es dringend erforderlich, die Prinzipien und Methoden der Parteiorganisation, der Disziplin und der konspirativen Technik zu propagieren.

Eine solche Propaganda kann und muß, wenn sie von allen einzelnen Gruppen und allen erfahreneren Genossen unterstützt wird, dazu führen, daß aus jungen Sozialisten und Arbeitern tüchtige Führer der revolutionären Bewegung herangebildet werden, die imstande sind, alle Hindernisse, die das Joch des autokratischen Polizeistaates unserer Arbeit entgegenstellt, zu überwinden und allen Anforderungen der spontan zum Sozialismus und zum politischen Kampf drängenden Arbeitermasse zu genügen. Schließlich muß es im Zusammenhang mit den obengenannten Themen eine unserer wichtigsten Aufgaben sein, diese spontane Bewegung (sowohl in den Arbeitermassen als auch in unserer Intelligenz) zu analysieren: wir müssen uns klarwerden über die gesellschaftliche Bewegung der Intelligenz, die in Rußland die zweite Hälfte der neunziger Jahre kennzeichnet und die verschiedene und mitunter verschiedenartige Strömungen in sich vereinigt; wir müssen die Lage der Arbeiterklasse auf allen Gebieten der Volkswirtschaft sorgfältig studieren, müssen die Formen und Bedingungen ihres Erwachens, ihres beginnenden Kampfes studieren, um den marxistischen Sozialismus, der auf russischem Boden bereits Wurzel faßt, und die russische Arbeiterbewegung zu einem unlösbaren Ganzen zu verbinden, um die russische revolutionäre Bewegung mit dem spontanen Aufschwung der Volksmassen zu verbinden. Erst wenn eine solche Verbindung geschaffen ist, kann in Rußland eine sozialdemokratische Arbeiterpartei entstehen, denn Sozialdemokratie — das heißt nicht, sich nur in den Dienst der spontanen Arbeiterbewegung stellen (wie einige zeitgenössische „Praktiker“ bei uns zuweilen zu glauben geneigt sind), Sozialdemokratie bedeutet die Vereinigung des Sozialismus mit der Arbeiterbewegung. Nur eine solche Vereinigung ermöglicht dem russischen Proletariat die Erfüllung seiner ersten politischen Aufgabe: die Befreiung Rußlands vom Joch der Selbstherrschaft.

Was die Verteilung der von uns ins Auge gefaßten Themen und Fragen zwischen Zeitschrift und Zeitung betrifft, so wird diese Verteilung ausschließlich durch den unterschiedlichen Umfang dieser Organe sowie durch die Verschiedenheit ihres Charakters bestimmt werden: die Zeitschrift soll vorwiegend der Propaganda, die Zeitung vorwiegend der Agitation dienen. Aber sowohl in der Zeitschrift als auch in der Zeitung müssen sich alle Seiten der Bewegung widerspiegeln, und besonders betonen möchten wir, daß wir den Plan ablehnen, wonach die Arbeiterzeitung ausschließlich das veröffentlichen soll, was die spontane Arbeiterbewegung unmittelbar und am nächsten berührt, während dem Organ für die Intellektuellen alles überlassen bliebe, was ins Gebiet der Theorie des Sozialismus, ins Gebiet der Wissenschaft, der Politik, der mit der Parteiorganisation zusammenhängenden Fragen usw. fällt. Im Gegenteil, notwendig ist gerade die Verbindung aller konkreten Tatsachen und Erscheinungsformen der Arbeiterbewegung mit den erwähnten Fragen, notwendig ist die Beleuchtung jeder einzelnen Tatsache durch die Theorie, notwendig ist die Propagierung der politischen und parteiorganisatorischen Fragen in den breitesten Massen der Arbeiterklasse, notwendig ist die Einbeziehung dieser Fragen in die Agitation. Die bisher bei uns fast ausschließlich herrschende Agitationsform, nämlich die Agitation durch lokale Flugblätter, genügt nicht mehr: sie ist zu eng, denn sie berührt nur lokale und in erster Linie wirtschaftliche Fragen. Es muß der Versuch gemacht werden, eine höhere Form der Agitation zu schaffen — durch die Zeitung, die die Beschwerden der Arbeiter, die Arbeiterstreiks, die anderen Formen des proletarischen Kampfes und alle Erscheinungsformen der politischen Unterdrückung in ganz Rußland periodisch registriert und aus jeder dieser Tatsachen vom Standpunkt der Endziele des Sozialismus und der politischen Aufgaben des russischen Proletariats bestimmte Schlüsse zieht. „Den Rahmen ausdehnen und den Inhalt unserer propagandistisch-agitatorischen, und organisatorischen Tätigkeit erweitern“ — diese Worte P. B. Axelrods müssen zu der Losung werden, die die Tätigkeit der russischen Sozialdemokraten in der nächsten Zeit bestimmt, und diese Losung nehmen wir in das Programm unserer Organe auf.

Hier taucht naturgemäß folgende Frage auf: Wenn die von uns geplanten Organe dem Zwecke dienen sollen, alle russischen Sozialdemokraten zu vereinigen und sie zu einer Partei zusammenzuschließen, so müssen sie alle Schattierungen der Meinungen, alle lokalen Besonderheiten, die ganze Mannigfaltigkeit der praktischen Methoden widerspiegeln. Wie aber diese Vereinigung verschiedenartiger Standpunkte mit der redaktionellen Einheitlichkeit der Organe in Einklang bringen? Sollen diese Organe eine einfache Zusammenstellung der verschiedenartigen Anschauungen sein, oder sollen sie eine selbständige, ganz bestimmte Richtung haben?

Wir entscheiden diese Fragen in dem letztgenannten Sinn und hoffen, daß sich ein Organ mit einer klar bestimmten Richtung (wie wir weiter unten ausführen werden) sowohl für die Darlegung der verschiedenen Gesichtspunkte als auch für eine kameradschaftliche Polemik unter den Mitarbeitern durchaus eignen kann. Wir stehen unseren Anschauungen nach völlig auf dem Boden der grundlegenden Ideen des Marxismus (wie sie im „Kommunistischen Manifest“ und in den Programmen der westeuropäischen Sozialdemokraten zum Ausdruck kommen); wir treten für die konsequente Entwicklung dieser Ideen im Geiste von Marx und Engels ein und lehnen entschieden jene halbschlächtigen und opportunistischen Korrekturen ab, die jetzt nach dem Beispiel Bernsteins so sehr zur Mode geworden sind. Wir sehen die Aufgabe der Sozialdemokratie in der Organisierung des proletarischen Klassenkampfes, in der Förderung dieses Kampfes, in der Aufzeigung seines notwendigen Endziels, in der Analyse der Bedingungen, die die Methoden der Führung dieses Kampfes bestimmen. „Die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein.“ Wenn wir aber die Sozialdemokratie nicht von der Arbeiterbewegung trennen, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß sie die Aufgabe hat, die Interessen dieser Bewegung in allen Ländern, in ihrer Gesamtheit zu vertreten, daß sie keineswegs in eine blinde Anbetung dieser oder jener einzelnen Phase, in der sich die Bewegung zu dieser oder jener Zeit, an diesem oder jenem Ort befindet, verfallen darf. Wir halten es für die Pflicht der Sozialdemokratie, jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung zu unterstützen, und sehen ihr Ziel in der Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse, in der Expropriation der Expropriateure und in der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft. Wir lehnen entschieden jeden Versuch ab, den revolutionären Charakter der Sozialdemokratie, die die Partei der sozialen Revolution ist und allen auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsordnung stehenden Klassen schonungslos feindlich gegenübersteht, abzuschwächen oder zu vertuschen. Insbesondere halten wir den Sturz der Selbstherrschaft für eine geschichtliche Aufgabe der russischen Sozialdemokratie: die russische Sozialdemokratie ist berufen, die Vorkämpferin der russischen Demokratie zu sein, sie ist berufen, das Ziel zu verwirklichen, das ihr durch die ganze gesellschaftliche Entwicklung in Rußland gestellt ist und das ihr die ruhmreichen Kämpfer der russischen revolutionären Bewegung als Vermächtnis hinterlassen haben. Nur wenn sie den wirtschaftlichen Kampf mit dem politischen untrennbar verbindet, wenn sie die politische Propaganda und Agitation in immer breitere Schichten der Arbeiterklasse trägt, kann die Sozialdemokratie ihre Bestimmung erfüllen.

Von diesem Gesichtspunkt aus (der hier nur in ganz allgemeinen Linien dargelegt ist, da er bereits mehrfach von der Gruppe „Befreiung der Arbeit“ wie auch im „Manifest“ der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands und in seinem „Kommentar“, in der Broschüre „Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten“*, ferner in der Broschüre „Die Sache der Arbeiter in Rußland“ (Begründung des Programms der russischen Sozialdemokratie) ausführlich dargestellt und begründet worden ist) werden wir alle theoretischen und praktischen Fragen beleuchten und bemüht sein, alle Erscheinungsformen der Arbeiterbewegung und des demokratischen Protestes in Rußland mit den erwähnten Ideen zu verknüpfen.

Obwohl wir unsere literarische Arbeit vom Standpunkt einer bestimmten Richtung durchführen werden, beabsichtigen wir durchaus nicht, alle Einzelheiten unserer Auffassungen für die Auffassungen aller russischen Sozialdemokraten auszugeben, haben wir durchaus nicht die Absicht, die bestehenden Meinungsverschiedenheiten zu leugnen, zu vertuschen oder zu unterdrücken. Im Gegenteil, wir wollen unsere Organe zu Organen der Diskussion aller Fragen machen, an der alle russischen Sozialdemokraten mit Anschauungen verschiedenster Schattierung teilnehmen. Eine Polemik zwischen Genossen lehnen wir in unseren Organen nicht nur nicht ab, sondern wir sind im Gegenteil bereit, ihr sehr viel Platz einzuräumen. Eine offene Polemik vor allen russischen Sozialdemokraten und klassenbewußten Arbeitern ist notwendig und wünschenswert, damit die Tiefe der bestehenden Meinungsverschiedenheiten klargelegt, die strittigen Fragen allseitig erörtert und die Extreme bekämpft werden können, in die Vertreter verschiedener Auffassungen, Vertreter verschiedener Gegenden oder verschiedener „Professionen“ der revolutionären Bewegung unweigerlich verfallen. Wir betrachten es sogar als einen Mangel der gegenwärtigen Bewegung, daß die offene Polemik zwischen offenkundig auseinandergehenden Anschauungen fehlt, daß man bestrebt ist, Meinungsverschiedenheiten in sehr wesentlichen Fragen verborgen zu halten.

Mehr noch: Da wir in der russischen Arbeiterklasse und in der russischen Sozialdemokratie die Vorkämpferin für die Demokratie, für die politische Freiheit sehen, halten wir es für notwendig, danach zu streben, unsere Presseorgane zu allgemein-demokratischen Organen zu machen, nicht in dem Sinne, daß wir bereit wären, auch nur einen Augenblick den Klassenantagonismus zwischen dem Proletariat und den anderen Klassen zu vergessen, nicht in dem Sinne, daß wir auch nur die geringste Verwischung des Klassenkampfes zulassen wollten — nein, sondern in dem Sinne, daß wir alle demokratischen Fragen aufrollen und erörtern, ohne uns allein auf eng proletarische Fragen zu beschränken, daß wir alle Fälle und Äußerungen der politischen Unterdrückung aufgreifen und erörtern, den Zusammenhang zwischen der Arbeiterbewegung und dem politischen Kampf in allen seinen Formen aufzeigen, alle ehrlichen Kämpfer gegen die Selbstherrschaft heranziehen, welcher Ansicht sie auch seien und welchen Klassen sie auch angehören mögen, daß wir sie heranziehen für die Unterstützung der Arbeiterklasse, als der einzigen revolutionären und dem Absolutismus unwiderruflich feindlichen Kraft. Wenn wir uns in erster Linie an die russischen Sozialisten und klassenbewußten Arbeiter wenden, so wollen wir uns darum doch nicht ausschließlich auf sie beschränken. Wir appellieren auch an alle, die durch die gegenwärtige politische Ordnung Rußlands unterdrückt und geknechtet werden, die die Befreiung des russischen Volkes aus seiner politischen Sklaverei anstreben, wir fordern sie auf, die Presseorgane zu unterstützen, die ihre Kräfte einsetzen, um die Arbeiterbewegung als revolutionäre politische Partei zu organisieren, wir öffnen ihnen die Spalten unserer Organe zur Enthüllung aller Niederträchtigkeiten und Verbrechen der russischen Selbstherrschaft. Wir appellieren an sie in der Überzeugung, daß das von der russischen Sozialdemokratie erhobene Banner des politischen Kampfes zum Banner des gesamten Volkes werden kann und muß.

Die Aufgaben, die wir uns stellen, sind im höchsten Grade weitgefaßt und allumfassend, und wir würden es nicht wagen, diese Aufgaben anzupacken, wenn wir nicht aus all unseren Erfahrungen die unerschütterliche Überzeugung gewonnen hätten, daß es sich um die dringendsten Aufgaben der gesamten Bewegung handelt, wenn wir uns nicht der Sympathie und des Versprechens allseitiger und dauernder Unterstützung versichert hätten: erstens seitens mehrerer Organisationen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands und einzelner in verschiedenen Städten tätigen Gruppen russischer Sozialdemokraten; zweitens seitens der Gruppe „Befreiung der Arbeit“, die die russische Sozialdemokratie gegründet und immer an der Spitze ihrer Theoretiker und literarischen Repräsentanten gestanden hat; drittens seitens einer ganzen Anzahl Personen, die keinen Organisationen angehören, die aber mit der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung sympathisieren und ihr nicht wenige Dienste erwiesen haben. Wir werden alle unsere Kräfte daransetzen, um den von uns gewählten Teil der gemeinsamen revolutionären Arbeit in der erforderlichen Weise durchzuführen, und wir streben danach, daß alle russischen Genossen unsere Publikationen als ihre Organe betrachten, denen jede Gruppe alle Informationen über die Bewegung zukommen läßt, denen sie Mitteilung macht über ihre Ansichten, über ihre Anforderungen an die Literatur, über ihre Erfahrungen, ihre Beurteilung der sozialdemokratischen Publikationen, mit einem Wort, denen sie alles mitteilt, was sie in die Bewegung hineinträgt und was sie aus ihr gewinnt. Nur unter dieser Bedingung wird es möglich sein, ein wirklich gesamtrussisches sozialdemokratisches Organ zu schaffen. Die russische Sozialdemokratie fühlt sich bereits beengt in der Untergrundarbeit, die die einzelnen Gruppen und zersplitterten Zirkel leisten; es ist an der Zeit, daß sie den Weg offener Propaganda des Sozialismus, den Weg des offenen politischen Kampfes beschreitet — und die Gründung eines gesamtrussischen sozialdemokratischen Organs muß der erste Schritt auf diesem Wege sein.

Quelle: Lenin-Werke (LW) Band 4, S. 316-327

 

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