Ernst Thälmann: Die neue Etappe der Bolschewisierung der KPD

Ernst Thaelmann

Erschreckend aktuell liest sich die Analyse des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann vom August 1932 „Die neue Etappe der Bolschewisierung der KPD“. Hier werden die Strategie und Taktik der KPD gegen Faschismus und Kriegsgefahr in den 1930er Jahren analysiert. Daher wird hier das vollständige Dokument abgedruckt, das dem Band III der „Auswahl der Reden und Schriften 1930-1933. Für ein freies sozialistisches Deutschland“ (Verlag Neuer Weg, Stuttgart, 1977, S. 403-421) von Ernst Thälmann entnommen ist:

 

Ernst Thälmann:

Die neue Etappe der Bolschewisierung der KPD

 

I. Die Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932

Die KPD hat bei den Reichstagswahlen vom 31. Juli einen ernsten Erfolg errungen. Sie ging als einzige siegreiche Partei aus einem Wahlkampf hervor, der von der Bourgeoisie mit dem entgegengesetzten Ziel geführt worden war. Die faschistischen Machthaber, die Regierung Papen-Schleicher und ihre nationalsozialistischen Handlanger, hatten den Reichstag aufgelöst, um mit Hilfe des Wahlkampfes und eines Wahlsieges der reaktionären Parteien ihre Politik der unmittelbaren Aufrichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland zu fördern. Nachdem durch den faschistischen Umsturz vom 20. Juli ein bestimmter Wendepunkt auf dem Wege zur faschistischen Diktatur überschritten wurde, galt es für die faschistischen Machthaber erst recht, mit Hilfe der Reichstagswahl ihre Machtpositionen in den Massen zu festigen, Hemmungen und Widerstände auszuschalten. Das ist mißlungen.

Ein Wahlkampf, der mit einem Terror gegen die Kommunistische Partei sondergleichen durchgeführt wurde, endete mit einem stolzen Wahlsieg der KPD.

Ein Wahlkampf, der von den Machthabern im wesentlichen auf Wunsch und Betreiben der Führer der faschistischen Massenbewegung, der Nationalsozialisten, in Szene gesetzt wurde, weil diese auf einen neuen Massenzuwachs, vor allem aus dem proletarischen Lager, spekulierten, endete mit einer Stagnation, teilweisen Erscheinungen des Rückganges der nationalsozialistischen Welle.

Ein Wahlkampf, bei dem die soziale Hauptstütze der bürgerlichen Klassenherrschaft, der „gemäßigte Flügel des Faschismus“, die Sozialdemokratie, unter den denkbar günstigsten objektiven Bedingungen einer seit 1919 noch nicht vorhanden gewesenen Scheinopposition agitierte und die größten Anstrengungen entfaltete, um klassenbewußte revolutionäre Arbeiter aus der roten Klassenfront in die Gefolgschaft des Reformismus zu verführen, endete mit einer neuen, ernsten Niederlage der Sozialdemokratie, mit dem Übergang von mehr als einer halben Million sozialdemokratischer Arbeiter in die Gefolgschaft des Kommunismus.

Am Ende eines Wahlkampfes, in dem die „linken“ Filialen des Sozialfaschismus, SAP und Brandleristen, alle Formen ihrer schamlosen Betrugsmanöver gegen die Kommunistische Partei zur Entfaltung gebracht hatten, erwies es sich, daß durch die Politik der KPD diese Grüppchen nahezu zerschmettert wurden.

Alle Fraktionen der Bourgeoisie hatten großsprecherisch eine Niederlage der Kommunisten angekündigt. Ganz besonders die Sozialdemokratie spekulierte auf einen Niedergang, eine Isolierung der KPD von den Massen. Die Nationalsozialisten gaben sich der trügerischen Hoffnung hin, in die Reihen der kommunistischen Arbeitermassen eindringen, in die KPD, diesen einzigen Schutzwall gegen den Einbruch des Faschismus in das Proletariat, eine Bresche schlagen zu können. Die Papen, Schleicher und Gayl rechneten auf eine Wahlniederlage der KPD, um desto leichter ihre geplanten Verbotsmaßnahmen und faschistischen Anschläge auf die revolutionären Klassenorganisationen des deutschen Proletariats durchführen zu können.

Die Antwort auf alle diese Spekulationen war der Wahlsieg der KPD vom 31. Juli. Die Partei erzielte mit 5,367 Millionen Stimmen, die auf die Liste der KPD entfielen (abzüglich jener etwa 80000 SAP- und anderen Stimmen, die von den Arbeiterwählern vielfach auch in dem Bewußtsein abgegeben wurden, daß sie der KPD zugute kämen), das stärkste Massenbekenntnis aus Anlaß einer Parlamentswahl, das bisher in Deutschland oder überhaupt in irgendeinem Lande für eine revolutionäre Partei des Proletariats erreicht wurde. Sie gewann etwa 700000 bis 780000 Stimmen gegenüber 1930, etwa eine Million Stimmen gegenüber den letzten größeren Parlamentswahlen vom 24. April in Preußen, Bayern, Württemberg usw., wenn man deren Ergebnis auf das Reich umrechnet. Die Partei gewann gegenüber 1930, von Ausnahmen wie Berlin, Hamburg, Chemnitz-Zwickau, Halle-Merseburg, Magdeburg, Thüringen, Südhannover-Braunschweig, Stadt Frankfurt a. M. abgesehen, fast den gesamten Verlust der Sozialdemokratie an Arbeiterstimmen und eroberte darüber hinaus fast eine halbe Million Stimmen von Arbeitern und Werktätigen zurück, die im Frühjahr bereits vorübergehend der Gefolgschaft des Nationalsozialismus verfallen waren. Betrachtet man alle diese positiven Faktoren und mißt sie an den Plänen der Bourgeoisie bei den Reichstagswahlen, so ergibt sich unzweifelhaft, daß der Wahlsieg der KPD am 31. Juli auch außerparlamentarisch im Rahmen des proletarischen Kampfes gegen den Faschismus, gegen die Diktatur der Bourgeoisie, einen ernsten Erfolg darstellt.

II. Die Voraussetzungen unseres Wahlsieges

Der 31. Juli beendigt das Märchen von der angeblichen Isolierung der KPD als Folge ihrer revolutionären Generallinie, das die schmutzigen Agenten der Sozialdemokratie nach den Präsidentschafts- und Preußenwahlen verbreiteten. Die Bourgeoisie hat im vergangenen Frühjahr bewußt den Versuch gemacht, durch die rasche Aufeinanderfolge erst der Präsidentschaftswahlen, dann der Preußen- und sonstigen Länderwahlen, die KPD in eine schwierige Situation zu manövrieren. Auch in den Reihen unserer Partei gab es vereinzelte Stimmungen, die durch eine Gleichsetzung der Präsidenten- mit allgemeinen Parlamentswahlen gegenüber diesen Manövern der Bourgeoisie nicht die genügende Festigkeit bewiesen. Die Partei hat gegen alle Depressionsstimmungen und alle Tendenzen, die auf eine Abschwächung des Kampfes gegen die Sozialdemokratie, auf eine Änderung der Politik der Partei, eine Verbiegung ihrer Generallinie hinausliefen, mit stärkster Energie den Kampf aufgenommen und durchgeführt.

Das war notwendig und richtig, wie der 31. Juli mit seinem siegreichen Vormarsch der Partei beweist. Manche Funktionäre und Parteigenossen, die in der Vergangenheit die Bedeutung der ideologischen Offensive für die revolutionäre Praxis nicht ganz verstanden, die den zähen Kampf der Partei zur Überwindung aller Hemmungen und Widerstände gegen die konkrete Anwendung der leninistischen Strategie und Taktik unterschätzen, werden heute, nach den Lehren des 31. Juli, besser verstehen, welche Bedeutung dieses innere Ringen der Partei, die volle Entfaltung der bolschewistischen Selbstkritik und der schonungslose Kampf gegen alle Abweichungen für den revolutionären Vormarsch, für den Klassenkampf des Proletariats haben. Diese Lehren müssen wir auch berücksichtigen, wenn wir das Wahlresultat der Reichstagswahlen analysieren, die Erfolge der Partei auf der einen, die vorhandenen Mängel und Schwächen auf der anderen Seite überprüfen und daraus die Schlußfolgerungen für die weiteren Aufgaben der Partei ziehen. Das alles ist notwendig. Aber dabei müssen wir alle diejenigen Probleme unseres innerparteilichen Lebens und unserer inneren Parteientwicklung aus der letzten Zeit in den Kreis unserer Betrachtung einbeziehen, die für die Entwicklung der revolutionären Bewegung in Deutschland im Laufe des letzten Jahres eine Rolle spielten und zu dem Vormarsch der Partei wie für zeitweilige Rückschläge bedeutungsvoll sind. Mit anderen Worten: wir müssen die jüngsten Erfahrungen unserer revolutionären Arbeit und Politik nicht losgelöst von den großen Fragen unseres Ringens um eine höhere Stufe der Bolschewisierung der KPD betrachten, sondern als einen Bestandteil dieses Kampfes, der uns, nach den Beschlüssen des Februarplenums des Zentralkomitees, über die Schwelle einer neuen Etappe unserer Bolschewisierung führen soll. Diese Betrachtungsweise ist von größter Bedeutung. Die heutige Lage nach den Reichstagswahlen stellt an die Kommunistische Partei Deutschlands gesteigerte Anforderungen. Nichts wäre verhängnisvoller, als „auf den Lorbeeren des 31. Juli auszuruhen. Der Erfolg darf uns nicht schwindlig machen. Will die Partei die Anforderungen der geschichtlichen Stunde erfüllen, dann muß sie in beschleunigtem Tempo den Weg zur Überwindung der vorhandenen Schwächen und Mängel fortsetzen, auf dem wir bis zum 31. Juli einen gewissen Abschnitt vorwärts marschiert sind.

III. Unser Durchbruch in der Anwendung der Einheitsfronttaktik

Wodurch war es möglich, daß die Partei ihre vorübergehende Stagnation im vergangenen Frühjahr in den letzten Monaten verhältnismäßig rasch überwinden, ihren Vormarsch fortsetzen und auch gegen den verstärkten Druck des Terrors der Bourgeoisie behaupten konnte? Auf eine einfache Formel gebracht kann man sagen, daß die wichtigste Quelle unseres Wahlsieges vom 31. Juli die Organisierung der Antifaschistischen Aktion war.

Was bedeutet das aber? Die Antifaschistische Aktion, ihre Einleitung und Organisierung durch die Partei war ein erster konsequenter Versuch, konkrete Formen für die Anwendung der Einheitsfronttaktik von unten, vor allem gegenüber den sozialdemokratischen, freigewerkschaftlichen Arbeitern und proletarischen Reichsbannermitgliedern, zu finden und anzuwenden.

Wir haben auch in der Vergangenheit Versuche zur Anwendung der Einheitsfronttaktik gemacht. Aber es hieße die Tatsachen leugnen, wenn wir nicht aussprechen würden, daß dieser Anwendung der Einheitsfronttaktik mehrfach Hemmungen entgegenstanden. Auch handelte es sich vorwiegend um Einzelhandlungen in unserer Politik, nicht um eine konsequente, systematische und lebendige Anwendung der Einheitsfronttaktik als einer Hauptmethode im Ringen um die Mehrheit der Arbeiterklasse. In unseren Beschlüssen gab es längst Klarheit über die Notwendigkeit einer solchen Politik. Auf dem Februarplenum des Zentralkomitees bezeichneten wir die Einheitsfrontpolitik als das Hauptkettenglied der proletarischen Politik. In der Praxis waren wir jedoch lange Zeit hindurch nicht imstande, die Widerstände gegen die Anwendung dieser richtigen Grundsätze zu überwinden.

Mit der Einleitung der Antifaschistischen Aktion hat die Partei auf diesem Gebiete eine großzügige Wendung vollzogen. Man kann heute feststellen: von den Beschlüssen des Februarplenums, deren Durchsetzung in der Partei eine gewisse Zeit vernachlässigt wurde, ist nunmehr der Beschluß über die Notwendigkeit und Bedeutung der Einheitsfronttaktik in den letzten drei Monaten, seit Beginn der Antifaschistischen Aktion, in der gesamten Partei durchgesetzt worden. Man muß weiter sagen, daß dieser ideologische und praktische Durchbruch in unseren eigenen Reihen der wichtigste Schlüssel zum Erfolg am 31. Juli war. Mit vollem Recht sagte Genosse Stalin auf dem XV. Parteitag der KPSU über die Einheitsfronttaktik:

„Die Taktik der Einheitsfront wurde von Lenin gerade deswegen aufgestellt, um den Millionenmassen der Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder, die von den Vorurteilen des sozialdemokratischen Opportunismus infiziert ist, den Übergang zum Kommunismus zu erleichtern.“

Es ist uns gelungen, die Mauer, die dank der Politik der sozialfaschistischen Führer jahrelang zwischen den sozialdemokratischen und freigewerkschaftlich organisierten Arbeitern und dem revolutionären Proletariat bestand, zu durchstoßen. Es ist uns gelungen, bei breiten Massen der sozialdemokratischen und freigewerkschaftlichen Arbeiterschaft die Überzeugung auszulösen und zu festigen, daß es der Kommunistischen Partei mit ihrem Kampf für die Herstellung der roten Einheitsfront im Kampf gegen den Faschismus ernst ist, daß wir die, Einheitsfronttaktik nicht als eine bloße „Taktik“ zum Scheine anwenden, sondern in erster Linie als eine wirkliche Methode zur Steigerung des Kampfes gegen die Bourgeoisie. Dieses Bewußtsein breiter sozialdemokratischer Arbeitermassen bildet eine Voraussetzung dafür, diesen Arbeitermassen als nächsten Schritt ein objektives Verständnis dafür beizubringen, daß unser Kampf gegen die SPD nicht, wie ihre Führer behaupten, „Hilfe für den Faschismus“ ist, sondern daß wir diesen Kampf als einen unentbehrlichen Bestandteil des wirklichen Massenkampfes gegen die Bourgeoisie, gegen das kapitalistische System, gegen den Faschismus betreiben. Das aber ist der Weg zu einer wirklichen Überzeugung der sozialdemokratischen Arbeiter von der Rolle der Kommunistischen Partei als der einzigen Klassenpartei des Proletariats, eine Voraussetzung für den Übergang dieser Arbeiter ins Lager des Kommunismus. Die Massen von sozialdemokratischen Arbeitern, die bei den Reichstagswahlen ins Lager der KPD. übergegangen sind, haben diesen Grad der Selbstverständigung bereits erreicht. Es sind, wie wir sahen, über eine halbe Million. Unzweifelhaft gibt es, dank der richtigen Einheitsfronttaktik im Rahmen der Antifaschistischen Aktion, darüber hinaus heute sicherlich weitere Millionen sozialdemokratischer Arbeiter, die noch nicht so weit sind, mit ihrer Partei zu brechen, aber doch schon einen Schritt näher ans Lager der revolutionären Klassenfront gerückt sind, gemeinsam mit den Kommunisten faschistische Anschläge abgewehrt haben oder abzuwehren bereit sind und einen Teil ihres bisherigen Mißtrauens gegen die KPD schon abgelegt haben. Dieser Prozeß einer Umstellung im Lager der sozialdemokratischen und freigewerkschaftlichen Arbeitermassen ist ein weiterer Erfolg der richtigen Anwendung der Einheitsfronttaktik der KPD.

IV. Ein Erfolg unserer ideologischen Offensive.

Diese große Wendung zur systematischen Anwendung der Einheitsfronttaktik mußte im schärfsten Kampf gegen rechtsopportunistische Abweichungen und Tendenzen erfolgen. Um die KPD von ihrer revolutionären Strategie und Taktik abzudrängen auf eine opportunistische Blockpolitik mit der SPD, setzten die SPD- und ADGB-Führer ihren ganzen Einfluß ein, entfalteten die „linken“ Filialen des Sozialfaschismus, Brandleristen und SAPD alle Aktivität, und der konterrevolutionäre Agent der internationalen und auch deutschen Bourgeoisie, Leo Trotzki, sein ganzes Geschwätz. Auch in unseren eigenen Reihen gab es mehrfach Tendenzen des Nachgebens gegenüber diesen Betrugsmanövern der Sozialdemokratie und ihrer „linken“ Filialen. Einzelne Stimmungen waren vorhanden, die faschistische Offensive der Bourgeoisie durch eine Wendung in unserer revolutionären Politik zu beantworten, unsere strategische Orientierung des Hauptstoßes innerhalb der Arbeiterklasse gegen die Sozialdemokratie zu korrigieren. Opportunistische Fehler einer Verfälschung der revolutionären Einheitsfronttaktik in der Linie der Einheitsfront von oben tauchten vielfach auf.

Die Partei hat rücksichtslos den Kampf gegen jeden Versuch der Verwischung unserer Klassenlinie, gegen jeden Versuch der Abschwächung unseres prinzipiellen Kampfes gegen die Sozialdemokratie aufgenommen, ohne auch nur im mindesten auf die konsequente Anwendung der Einheitsfronttaktik im revolutionären Sinne zu verzichten.

Hiermit kommen wir zu der zweiten wichtigsten Quelle unseres Erfolges. Es ist uns im wesentlichen gelungen, die Massen der Kommunisten und revolutionären Arbeiter Deutschlands auf der Linie unserer revolutionären Strategie und Taktik zusammenzureißen und von der Richtigkeit dieser unserer Generallinie zu überzeugen. Es ist uns vielfach gelungen, im Kampf gegen jede liberale Gegenüberstellung von Demokratie und Faschismus in der gesamten revolutionären Arbeiterschaft Verständnis für die Rolle der Sozialdemokratie als „gemäßigten Flügel des Faschismus“, als „soziale Hauptstütze der Bourgeoisie“, zu schaffen. Das aber war notwendig, um angesichts der heutigen Lage, nach dem faschistischen Staatsstreich in Preußen, angesichts des neuen Fußtritts der Bourgeoisie für die Sozialdemokratie und deren scheinradikaler Oppositionspropaganda, dennoch die richtige Strategie und Taktik im Kampf um die Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse anwenden und sichern zu können.

Diese richtige revolutionäre Politik durchzuführen, war nicht ohne weiteres selbstverständlich. Auch in unseren Reihen tauchte zeitweilig die Neigung zu einer „strategischen Wendung“ auf, die faktisch auf eine Liquidierung unserer Generallinie, auf eine Abschwächung des Kampfes gegen die Sozialdemokratie hinauslief. Diese Einstellung ging davon aus, daß die Kommunistische Partei jeweils ihren Hauptstoß gegen denjenigen Flügel in der Front der Bourgeoisie und ihrer Parteien richten müsse, auf den sich die

Bourgeoisie vor allem orientiere. Das war früher die Sozialdemokratie. Heute sind es, im Zeichen des Papen-Schleicher-Regimes, die Nationalsozialisten.

Eine solche schematische Einstellung sieht jedoch völlig von unserer Klassenpolitik ab, von unserer strategischen Hauptaufgabe, die Mehrheit der Arbeiterklasse für den Kampf um die Eroberung der politischen Macht zu gewinnen. Auf diese große Aufgabe im Dienste der proletarischen Revolution ist unsere Strategie und Taktik eingestellt. Die Frage unserer strategischen Orientierung darf nicht einfach mechanisch nur von der jeweiligen Strategie der Bourgeoisie abhängig gemacht werden, sondern in erster Linie muß dabei unsere Politik innerhalb der eigenen Klasse, des Proletariats, ausschlaggebend sein.

Um die proletarischen Massen in den Kampf gegen die Diktatur der Bourgeoisie zu führen, die heute in den Formen und mit den Methoden einer faschistischen Diktatur ausgeübt wird, müssen wir den Einfluß der Sozialdemokratie auf entscheidende Teile des Proletariats mit den grüßten Anstrengungen unsererseits brechen. Ohne gleichzeitig die Politik der SPD in der Arbeiterklasse zu isolieren, ohne die sozial-demokratischen Arbeitermassen vom Einfluß ihrer Führer loszulösen, mit anderen Worten: ohne den gleichzeitigen schärfsten Kampf gegen die Sozialdemokratie kann es keine Einreihung der SPD-Arbeiter in die antifaschistische Kampffront und damit auch keinen erfolgreichen Massenkampf gegen die faschistische Diktatur und ihre Terror- und Kampforganisation in Deutschland, den Hitlerfaschismus, geben. Der zähe und offensive Kampf gegen den Hitlerfaschismus, mit dem Ziel, seine Reihen von außen zu berennen und von innen zu zersetzen, wozu jetzt die günstigsten Vorbedingungen heranreifen, erfordert zugleich, daß wir die SPD schlagen.

Das Wahlresultat vom 31. Juli spiegelt die Tatsache wider, daß die Partei mit Erfolg ihre Offensive für die weitere Isolierung der SPD in der Arbeiterklasse fortgeführt hat. Mit der Durchsetzung der richtigen revolutionären Strategie und Taktik im Rahmen der Antifaschistischen Aktion hat die Partei in den letzten Monaten die Lehren und Beschlüsse des Februarplenums des ZK in der Frage der strategischen Orientierung praktisch zur Anwendung gebracht. Es handelt sich hierbei um einen Erfolg der ideologischen Offensive, die das Zentralkomitee Ende 1931 zur wirklichen Durchsetzung der Beschlüsse des XI. Plenums des EKKI in Deutschland einleitete und die auf dem Februarplenum des ZK. erneut aufs stärkste gefördert wurde. Die große Bedeutung der Lehren und Beschlüsse des XI. Plenums des EKKI und die Notwendigkeit ihrer selbständigen Verarbeitung und Konkretisierung für Deutschland wird die Masse unserer Parteiarbeiter gerade angesichts der schwierigen politischen Probleme der letzten Wochen immer stärker erkennen. Gerade dadurch, daß es der Hitlerpartei nicht gelang, stärker in die Arbeiterklasse einzudringen, ergibt sich, daß die Rolle der SPD als soziale Hauptstütze nicht vermindert wird.

Die ideologische Offensive, in deren Dienst das Zentralkomitee vor allem sein theoretisches Organ, die „Internationale“, als wichtigste Waffe anwendet, ist eine unerläßliche Voraussetzung für Erfolge unserer revolutionären Praxis unserer Massenarbeit. Diese Behauptung, die wir auf dem Februarplenum des ZK aufstellten, und in der gesamten Partei nachdrücklichst gegen alle Stimmungen und Tendenzen verteidigten, die der ideologischen Offensive und Entfaltung der bolschewistischen Selbstkritik entgegenwirkten, wird heute durch die Tatsache der neuen Erfolge der Partei in vollem Umfange erhärtet.

Mit der ideologischen Offensive versuchten wir die Direktiven des bedeutungsvollen Briefes des Genossen Stalin über Abweichungen in der theoretischen Front auf die Arbeit der KPD anzuwenden. So sicherten wir uns, auch auf der Linie des Stalin-Briefes, gegen die Betrugsmanöver der „linken“ Filialen des Sozialfaschismus. Die Erfolge der ideologischen Offensive bei der Klärung unserer Kader und darüber hinaus der revolutionären Arbeiterschaft in der Frage der revolutionären Strategie und Taktik sind die zweite wichtigste Quelle für unseren neuen Vormarsch, wie er sich im Wahlsieg der Kommunisten vom 31. Juli dokumentiert.

V. Fortschritte im Kampf gegen den Hitlerfaschismus.

Die dritte Frage, die wir behandeln müssen, wenn wir untersuchen wollen, auf Grund welcher Faktoren wir unsere vorübergehende Stagnation überwinden konnten, betrifft den Kampf gegen den Hitlerfaschismus. Sie ist selbstverständlich mit den beiden vorhergehenden Fragen ebenso verknüpft, wie diese untereinander. Eine besondere Schwäche zeigte sich bei den drei Wahlen dieses Frühjahrs. Bei gewissen Schichten des Proletariats, vor allem unter Teilen der Erwerbslosen, gab es Stimmungen, die von einer Machtübernahme Hitlers eine raschere Katastrophe, eine beschleunigte revolutionäre Zuspitzung erhofften. Diese Stimmungen vermochten wir nicht mit genügendem Erfolg zu zerschlagen. Wir haben schon bei früheren Gelegenheiten darauf hingewiesen, daß unsere Schwäche im Kampf gegen solche Stimmungen mit den allgemeinen Schwächen der Partei im Kampf gegen den Faschismus und speziell gegen die faschistische Massenbewegung der NSDAP, zusammenhängt.

Einerseits waren es die Folgen der falschen Losung: „Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!“, durch die unser Kampf gegen die Stimmungen des individuellen Terrors erschwert wurde und die sich schädlich gegen die Entfaltung des wirklichen antifaschistischen Massenkampfes auswirkten. Zum anderen war es die sehr lange Zeit in der Partei vorhandene Unterschätzung der nationalsozialistischen Bewegung überhaupt, die uns nach den Reichstagswahlen im September 1930 und noch stärker im Frühjahr 1931 zu einem gewissen Ausruhen auf vorübergehenden kleinen Erfolgen im Kampf gegen die Hitlerbewegung und zu ungenügendem Verständnis für ‚die Rolle des faschistischen Terrors verleitete. Eine solche Unterschätzung der Hitlerbewegung kam noch im Bericht der deutschen Delegation auf dem XI. Plenum zum Ausdruck. Schließlich hatten wir im Dezember 1930 bei der Behandlung des Charakters der Brüning-Regierung bestimmte Fehler und Überspitzungen, in denen sich objektiv die falsche, vom XI. Plenum des EKKI widerlegte Theorie ausdrückte, daß die faschistische Diktatur die zwangsläufige, letzte Form der bürgerlichen Klassenherrschaft darstelle, nach der es nur noch die proletarische Diktatur geben könne, die also gewissermaßen ein Sprungbrett für die proletarische Revolution darstelle. Mit dem Kampf gegen solche falschen Auffassungen haben wir in den Reihen unserer Partei zu lange gezögert. Auch in diesem Punkt war die Auswertung des XL Plenums des EKKI zu schwach. Erst im Rahmen der ideologischen Offensive und ganz besonders in den letzten Monaten seit der Präsidentschaftswahl haben wir nach sorgfältiger und genauer Prüfung der Beratungen und Beschlüsse des XI. Plenums einen erfolgreichen Aufklärungsfeldzug gegen diese falschen Theorien und Auffassungen in unseren Reihen und darüber hinaus im gesamten Proletariat entfaltet. Die Bedeutung dieses Kampfes wird heute erst recht für jeden revolutionären Arbeiter verständlich sein. Denn heute verficht der gesamte gemäßigte Flügel der Bourgeoisie, einschließlich der ganzen demokratischen Presse und nahezu der gesamten sozialdemokratischen Führerschaft seit den Wahlen vom 31. Juli offen die Theorie des „Heranlassens“ der Hitler-Partei, die vorher nur vereinzelt aufgestellt wurde. Hier liegt gegenwärtig das schlimmste, verbrecherischste Betrugsmanöver der Sozialdemokratie, ihr schmutzigster Hilfsdienst für die faschistische Diktatur, die Hauptform ihres Massenbetrugs vor uns. Dieser Massenbetrug ist mit der kaum verschleierten Tolerierung der Papenregierung aufs engste verbunden.

Um so wichtiger ist die Tatsache, daß es der Partei in den letzten Monaten im Rahmen der Antifaschistischen Aktion gelungen ist, gerade auf diesem Gebiet stärkere Erfolge zu erzielen. Wenn wir in der Zeit von den Preußenwahlen bis zum 31. Juli annähernd eine halbe Million von Arbeitern und Werktätigen aus dem Bann des Nationalsozialismus losreißen und in unsere revolutionäre Front eingliedern konnten, so drücken sich darin zwei Tatsachen aus: einmal das Vordringen der Partei auch in den Schichten der Verbündeten des Proletariats, den notleidenden ländlichen und städtischen Mittelschichten, wie es ja im Vormarsch der Partei auf dem Dorfe allgemein zum Ausdruck kommt. Zum anderen die Tatsache, daß wir im

Kampf gegen die Hitler-Bewegung gerade durch die Entfaltung der revolutionären Einheitsfronttaktik von unten und dank unserer revolutionären Strategie gleichfalls erste ernstere Erfolge erzielen konnten.

Auch diese Erfolge sind uns ebensowenig wie die Erfolge im Kampf gegen die Sozialdemokratie in den Schoß gefallen. Sie entspringen keineswegs allein irgendwelchen günstigen „objektiven“ Verhältnissen, z. B. der Tatsache der stärkeren Entlarvung der Nationalsozialisten als unmittelbare Stütze der Papen-Regierung. Jede solche Konzession an eine Spontaneitätstheorie würde den Betrug der SPD-Führer und der liberalen Bourgeoisie erleichtern, wonach man „Hitler heranlassen“ müsse, damit er sich „abwirtschaftet“.

Wir müssen statt dessen mit aller Schärfe aussprechen, daß auch nach dem 31. Juli mit seiner unverkennbaren Stagnation der nationalsozialistischen Welle durchaus ein weiterer Aufstieg des Hitlerfaschismus theoretisch denkbar, wenn auch unwahrscheinlich wäre, sofern wir ihn nicht durch unsere richtige Politik vereiteln. Diese Feststellung müssen wir in der gesamten Partei und im gesamten revolutionären Proletariat befestigen. Und darum ist es sehr wichtig, wenn wir feststellen, daß schon der erste anfängliche Erfolg im Kampf gegen den Hitler-Faschismus, wie er sich im Wahlresultat vom 31. Juli ausdrückt, eine Frucht unserer richtigen Politik ist, die den falschen und schädlichen Stimmungen im revolutionären Proletariat und den früheren Fehlern in unserer Partei rücksichtslos zu Leibe geht.

Viele klassenbewußte Arbeiter, die bis dahin den Kampf der Kommunistischen Partei gegen den individuellen Terror nicht ganz verstanden haben, werden sich nunmehr durch die Tatsachen von der Notwendigkeit unseres scharfen Auftretens in dieser Frage überzeugen. Auch manche Funktionäre unserer Partei, die unser scharfes Auftreten gegen falsche Auffassungen in der Frage der faschistischen Diktatur (z. B. die überspitzten Formulierungen im Dezember 1930) als übertrieben oder überflüssig empfanden, und die große Bedeutung der Beschlüsse des XI. Plenums zu dieser Frage nicht ganz verstanden, werden heute zugeben, wie recht die Komintern, die Partei und das Zentralkomitee mit diesem Kampf hatten. Die Durchsetzung der ideologischen Offensive, der politischen Feststellungen und praktischen Aufgabenstellung des Februarplenums des Zentralkomitees in diesen Fragen unseres Kampfes gegen die Hitler-Partei ist die dritte wichtigste Quelle für unseren neuen Vormarsch und damit für den Wahlerfolg vom 31. Juli.

VI. Wo liegt die Hauptschwäche unserer Partei?

Dem Fortschritt in der Partei bei der Bewältigung jener Aufgaben auf der Linie ihrer Bolschewisierung stehen andererseits erhebliche Schwächen gegenüber, deren möglichst schnelle Überwindung die Schlagkraft der Partei vervielfachen, ihren Vormarsch mächtig steigern und das Kräfteverhältnis zwischen Revolution und Konterrevolution zu unsern Gunsten verändern wird. Wenn die Partei die Lehren der Vergangenheit verstanden hat, dann wird sie sich nach dem 31. Juli in allen ihren Einheiten, von der kleinsten Zelle bis zum Zentralkomitee, nicht der leisesten Regung einer Selbstgenügsamkeit hingeben. Gerade angesichts der Erfolge, die eine richtige Politik uns auf verschiedenen Gebieten der Massenarbeit gebracht hat, müssen wir um so schärfer die bolschewistische Selbstkritik zur Verbesserung der Arbeit bei allen jenen Problemen anlegen, bei denen der Partei eine Überwindung ihrer Schwächen und Mängel noch nicht gelungen ist.

Wir haben mit der Organisierung der Antifaschistischen Aktion eine Reihe von Fehlern liquidiert und bestimmte Erfolge erzielt. Die Anwendung der Einheitsfronttaktik im Rahmen der Antifaschistischen Aktion hat uns auf einem Gebiete große, bedeutungsvolle Fortschritte gebracht: auf dein Gebiet des Massenkampfes gegen den faschistischen Terror. Der rote Massenselbstschutz im Rahmen der Antifaschistischen Aktion ist heute bereits eine Bewegung, die viele hunderttausende klassenbewußte Arbeiter fest zusammenschweißt und sich auf die aktive Sympathie von Millionenmassen stützt. Wie war es möglich, daß in so kurzer Frist, im Laufe von zwei Monaten, eine solche wuchtige Massenbewegung erwachsen konnte?

Wir haben schon in der Vergangenheit häufig das Problem der Schaffung von Häuserschutzstaffeln oder Betriebswehren aufgerollt und entsprechende Losungen formuliert. Obwohl diese Losungen auch damals richtig und den Bedürfnissen der Situation angemessen waren, hatten sie doch auch nur sehr vereinzelten Erfolg, während wir jetzt schon im Laufe der ersten beiden Monate der Antifaschistischen Aktion einen ernsten Durchbruch in dieser Frage erzielten. Die Erklärung hier für besteht neben den günstigen objektiven Bedingungen darin, daß wir die Propaganda des roten Massenselbstschutzes jetzt auf dem Boden einer wirklichen Anwendung der Einheitsfronttaktik von unten durchführten, während früher diese systematische Anwendung einer der wichtigsten Methoden der leninistischen Politik in unserer revolutionären Massenarbeit vernachlässigt wurde.

Nun wäre es angesichts der gegenwärtigen verschärften putschistisch-terroristischen Aktionen der Hitlerpartei, angesichts der Ereignisse in Königsberg, Schlesien, Schleswig-Holstein, Braunschweig usw. zweifellos falsch, die Bedeutung des Massenkampfes gegen den faschistischen Terror für die Zukunft auch nur im mindesten zu unterschätzen. Hier zeigt sich der große Heroismus des deutschen Proletariats, das sich nicht einschüchtern läßt, sondern wuchtig vorwärts marschiert. Dieser Massenkampf gegen den faschistischen Terror bleibt eine entscheidende Aufgabe des revolutionären Kampfes, ja, wir müssen auf diesem Gebiete der Antifaschistischen Aktion unsere Anstrengungen noch steigern, die im Massenselbstschutz erfaßten Massen noch vervielfachen, weitere Millionen durch die Antifaschistische Aktion in die Front dieses revolutionären Massenkampfes einbeziehen. Wir müssen deshalb vor allem auch unsere ideologische Offensive gegen die Hitlerpartei entfalten. Es gilt, unseren Kampf gegen den Lausanner Pakt auf der Linie unserer Freiheitspolitik zu steigern, um auch in der nationalen Frage unseren Kampf gegen den Nationalsozialismus gesteigert fortzuführen. Auch hier gibt es erste, noch zu langsame Fortschritte.

Aber diese selbstverständlichen Feststellungen dürfen uns keinesfalls abhalten, die großen Schwächen zu übersehen, die sich bei der Anwendung der Einheitsfronttaktik nach wie vor auf einem anderen Gebiet der Massenarbeit ergeben. Und dieses Gebiet – die Betriebsarbeit – muß im Mittelpunkt unserer gesamten revolutionären Arbeit stehen. Gerade auf diesem Hauptgebiet unserer Arbeit gibt es aber noch immer ein sehr ernstes Zurückbleiben. Die Einheitsfronttaktik im Betrieb als Methode der Kampfmobilisierung liegt nach wie vor, von einigen besonderen Ausnahmen abgesehen, völlig im argen. Neben diesem wichtigsten Mangel bei der Anwendung der Einheitsfronttaktik, die im gleichen Heft der „Internationale“ in einem Artikel des Genossen Florin behandelt wird, wirkt sich auch im übrigen die gesamte Schwäche unserer Betriebsarbeit aus. Auch auf diesem Gebiet müssen wir, wenn wir die Beschlüsse des Februarplenums des Zentralkomitees wenigstens nachträglich in die Tat umsetzen wollen, neue konkrete Methoden zur Anwendung bringen, wie wir sie mit der Antifaschistischen Aktion auf dem Gebiet des Massenkampfes gegen den faschistischen Mordterror bereits erzielt haben.

Die große Schwäche unserer Partei am 20. Juli, anläßlich des faschistischen Staatsstreichs in Preußen, bestand darin, daß wir mit unserer Streikparole zwar eine mächtige und revolutionierende agitatorisch-propagandistische Wirkung zur Entlarvung der Sozialdemokratie und zur Stärkung der Autorität der KPD erzielten, aber keine Streiks in nennenswertem Umfange auszulösen vermochten. Selbstverständlich war die Losung des politischen Massenstreiks und Generalstreiks richtig, auch wenn es noch nicht zur Auslösung des Streiks kam.

Es gibt hierfür eine Reihe objektiver Ursachen, z. B. die Tatsache des raffinierten Vorgehens der Bourgeoisie. Indem sie ihren ersten Stoß scheinbar nur gegen einige sozialfaschistische Minister, Polizeipräsidenten und sonstige Staatsfunktionäre lenkte, versuchte sie dadurch vor den Massen gerade der revolutionären Arbeiterschaft die Tatsache zu verschleiern, daß in Wirklichkeit ihr Staatsstreich den brutalsten faschistischen Angriff auf die Freiheit der Arbeiterklasse, auf die Partei und alle Organisationen des Proletariats brachte. In den Massen und teilweise auch in der Partei war nicht überall das volle Verständnis für den Ernst der Lage vorhanden. Es gibt ferner eine Reihe von besonderen, einmaligen, aus der Situation erwachsenen Mängeln in unserer Streikmobilisierung am 20. Juli. So die Tatsache, daß unsere Parteileitungen vielfach in den wichtigsten ersten Stunden mit der Sicherung der Partei und den dafür notwendigen technisch-organisatorischen Maßnahmen so stark beschäftigt waren, daß der volle Einsatz aller Kräfte auf die Kampfmobilisierung der Arbeiterschaft darunter litt. Das beeinträchtigte auch die Entfaltung der Masseninitiative.

Aber das alles ist nicht die Hauptsache. Das erstere, die besonderen objektiven Schwierigkeiten, ist keine Entschuldigung für uns, denn eine raffinierte Taktik wird die Bourgeoisie immer wieder, bei jedem weiteren faschistischen Anschlag, wie überhaupt bei allen ihren Angriffen auf das Proletariat und im gesamten Klassenkampf anwenden. Damit müssen wir immer rechnen. Das müssen wir durchkreuzen. Das zweite, die besonderen, gerade am 20. Juli in Erscheinung getretenen Mängel, muß für uns ein Anlaß sein, in Zukunft elastischer, mit rascherer Initiative und besserer Vorbereitung die Schläge des Klassenfeindes zu parieren.

Aber dafür müssen wir eine wichtige Voraussetzung schaffen: die größtmögliche Verbesserung unserer revolutionären Betriebsarbeit.

Die Schwäche auf diesem Gebiet, die in Verbindung mit den Mängeln unserer innergewerkschaftlichen Oppositions- und RGO-Arbeit sowie der Arbeit unter den Erwerbslosen und unter der Jugend, die Hauptursache für das Fehlen größerer erfolgreicher Streiks ökonomischen oder politischen Charakters in Deutschland darstellt, muß sofort ohne jedes Aufschieben liquidiert werden. Das Februar-Plenum des ZK stellte die Losung auf, in unserer Betriebsarbeit eine Wendung um 180 Grad zu vollziehen. Dies ist der Punkt, in dem die Beschlüsse des Februar-Plenums bis heute am allerwenigsten realisiert wurden.

Der 20. Juli hat uns die Lehre eingehämmert, daß wir diese Aufgabenstellung unverzüglich verwirklichen müssen.

Der 31. Juli hat uns gezeigt, daß wir bei Überwindung vorhandener Hemmungen imstande sind, unsere richtigen Beschlüsse in die Tat umzusetzen und damit Erfolge zu erzielen. Nun gilt es zu handeln!

VII. Die neue Etappe der Antifaschistischen Aktion.

Was muß geschehen? Die Partei muß, unter Ausnutzung der durch den Wahlsieg gesteigerten Aktivität aller Kader und der gewachsenen Autorität der KPD. in den Massen das fortsetzen, was wir mit der Einleitung der Antifaschistischen Aktion vor etwa zwei Monaten begonnen haben: sie muß die richtigen Beschlüsse auch auf dem Gebiete der Betriebsarbeit, der innergewerkschaftlichen und RGO-Arbeit, der Erwerbslosen- und der Jugendarbeit in der Linie der Kampf- und Streikmobilisierung der Massen in die Tat umsetzen!

Wir haben, unter Ablehnung anderer, unrichtiger Formulierungen, das Februar-Plenum des Zentralkomitees ein Plenum der revolutionären Praxis genannt. Wir haben uns dort die Aufgabe gestellt, die Schere zwischen den gefaßten Beschlüssen und ihrer Durchführung zu schließen. Fast drei Monate vergingen, ehe die Partei ernsthaft damit begann, nach Überwindung mancher Hemmungen und Widerstände diese Feststellung zu verwirklichen. Die ersten Erfolge sind da. Nun müssen wir erst recht den ganzen Kreis der Aufgaben lösen, die wir uns gestellt haben und deren Lösung in ihrer Gesamtheit bedeutet, in der Tat eine höhere Etappe der Bolschewisierung der KPD zu erreichen.

Die Fortführung der Antifaschistischen Aktion nach dem 31. Juli kann nicht darin bestehen, die bisherigen Methoden einfach beizubehalten. Wir müssen die Antifaschistische Aktion auf allen Gebieten der revolutionären Arbeit und Politik steigern. Wir müssen eine neue höhere Etappe der Antifaschistischen Aktion in die Tat umsetzen.

Und diese neue, diese zweite, diese höhere Etappe der Antifaschistischen Aktion muß im Zeichen der Eroberung der Betriebe stehen, um sie reif für den politischen Massenstreik zu machen, um die ökonomischen und politischen Kämpfe auf breitester Massengrundlage in allen Formen zu entfalten und erfolgreich zu führen.

Darum haben wir uns die Aufgabe gestellt, diese zweite Etappe der Antifaschistischen Aktion im Zeichen der zentralen Losung durchzuführen: „Tragt die Antifaschistische Aktion in die Betriebe!“ Im Sinne dieser Losung hat das Zentralkomitee bereits für die Wochen vom 14. August bis 4. September Antifaschistische Betriebskampfwochen angesetzt, auf die es alle Kräfte der Partei und der revolutionären Arbeitermassen zu konzentrieren gilt.

Aber darüber hinaus müssen wir in unserer gesamten Arbeit, im inneren Leben der Partei und in ihrer täglichen Praxis, wie an allen Fronten des Massenkampfes, jene Umstellung vollziehen, deren Wesen darin besteht, das Schwergewicht unserer Arbeit in die Betriebe zu verlegen und dort immer mehr zu verankern. Man braucht kaum erst darauf hinzuweisen, daß diese Umstellung, bei der auch die große Rolle der Betriebszeitungen und Arbeiterkorrespondenten betont werden muß, auch vom Standpunkt des drohenden Parteiverbots eine brennende Notwendigkeit ist. Man braucht auch nicht erst umständlich zu beweisen, wie dringend diese Aufgabe angesichts der neuen ökonomischen Hungeroffensive des Kapitals gegen Löhne und Gehälter der Arbeiter und Angestellten ist.

Die kapitalistische Offensive der letzten Jahre begann mit dem Schlichtungsangriff auf die differenzierten Löhne, wurde mit dem Lohnraub durch Notverordnungen fortgesetzt und soll jetzt unter Zerschlagung des Tarifwesens, Einführung von Werktarifen und faschistischen „Lohnämtern“ ungeheuerlich gesteigert werden. Hier erwachsen der Partei, der RGO und den roten Verbänden gewaltige Aufgaben.

Gegen die neue Hungeroffensive stellen wir unsere Losung: Duldet keinen Lohn-, Gehalts-, Renten- und Unterstützungsraub! Gegen die Arbeitsdienstpflicht, gegen die Aufziehung von Streikbrechergarden durch die Zwangsarbeit stellen wir den Kampf um die bessere Mobilisierung der Jugend, wobei die Partei dem Jugendverband helfen muß.

Die gesamte Situation und die unmittelbare Perspektive der Entwicklung erfordern es von uns, in der Frage der Eroberung der Betriebe für den revolutionären Kampf, in der Frage der Streikmobilisierung der Betriebsarbeiterschaft rasch und entscheidend vorzustoßen. Solche Beispiele wie der belgische Bergarbeiterstreik müssen anfeuernd wirken. Was wir jetzt brauchen, das ist die wirkliche Schaffung einer breiten Oppositionsbewegung neben der RGO in den freien und christlichen Gewerkschaften unter Einbeziehung sozialdemokratischer und freigewerkschaftlicher Arbeiter und die verstärkte Organisierung der aktiven Erwerbslosenbewegung. Unter der Losung des Ausschlusses aller Nazis aus den Gewerkschaften und der Wiederaufnahme aller ausgeschlossenen revolutionären Arbeiter müssen wir vorstoßen.

Die KPD vereinigt in ihrer Anhängerschaft heute, wie der 31. Juli gezeigt hat, etwa ein Drittel des Proletariats. In .einigen der wichtigsten industriellen Bezirke, so im Ruhrgebiet, stellt annähernd die Mehrheit der Arbeiterschaft politisch in unserem Lager. Die objektiven Voraussetzungen dafür, in den Betrieben die Führung der Arbeiterschaft zu gewinnen, die Arbeiter in den Kampf zu bringen und diesen Kampf zum ernsthaften Erfolg zu führen, sind gegeben. Alles hängt von unserer Politik, von unserer Initiative, von unserem Elan, von unseren richtigen Methoden ab.

VIII. Vor entscheidenden Kämpfen.

Deutschland befindet sich seit dem 20. Juli im Zeitabschnitt des unmittelbaren Kampfes um die faschistische Diktatur. Mit ihrem Staatsstreich in Preußen ist die Regierung Papen-Schleicher-Gayl, gestützt auf den Hitler-Faschismus, zur Regierung der faschistischen Diktatur geworden und hat den faschistischen Umsturz in Preußen mit den Bajonetten der Militärdiktatur durchgeführt. Jetzt greift die Hit1er-Partei, die faschistische Terrororganisation des Finanzkapitals, unmittelbar nach der Macht. Noch klaffen im Lager der Bourgeoisie selbst mächtige Gegensätze über die Frage der Methoden und des Tempos, in dem die faschistische Diktatur über ganz Deutschland aufgerichtet und gefestigt werden soll. Noch gibt es heftige Gegensätze ökonomischer Art zwischen verschiedenen Teilen der Bourgeoisie. Die Kampfkraft und Kampfentschlossenheit des Proletariats ist durch den Faschismus in keiner Weise gebrochen oder gelähmt. Im Gegenteil, sie ist, wie der 31. Juli zeigte, im Wachsen begriffen. Immer heftiger, immer unversöhnlicher formieren sich die Klassenfronten.

Zugleich verschärft sich die Krise auch ökonomisch in rapidem Tempo. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man die heutige Lage und die nächste Entwicklung in Deutschland dahin kennzeichnet, daß die Katastrophe für die Bourgeoisie, der Finanzbankrott, herannaht. Auch in der Katastrophe will die herrschende Klasse ihr System, die bürgerliche Klassenherrschaft, mit blutigem Terror, mit grausamster Gewalt, mit allen Methoden der faschistischen Barbarei aufrechterhalten. Das deutsche Proletariat geht unmittelbar Kämpfen von einem Ausmaß und einer Schärfe entgegen, wie sie ähnlich erbittert in der Geschichte des revolutionären Klassenkampfes der deutschen Arbeiter kaum vorhanden waren. Das drohende Verbot der KPD und aller revolutionären Klassenorganisationen bleibt ständig unmittelbar auf der Tagesordnung. Jeden Augenblick muß die Arbeiterklasse gewärtig sein, einen Überrumpelungsversuch der Bourgeoisie parieren zu können. Die Partei muß in den Betrieben eine immer stärkere Kampagne gegen die Verbotsdrohungen entfesseln.

Der 31. Juli hat, wie wir Kommunisten voraussagten, keineswegs eine Abschwächung der faschistischen Entwicklung gebracht. Im Gegenteil: das angeblich „antifaschistische“ Zentrum, die angeblich „antifaschistische“ SPD, bekennen sich offen zum „Ranlassen“ der Nazis. Die Stimmzettel vom 31. Juli ändern nichts an dem faschistischen Umsturz in Preußen, nichts an der Rolle der Papen-Regierung. Sie vermögen, soweit sie für die einzige wirklich antifaschistische Kraft, die KPD, abgegeben wurden, die Kampfentschlossenheit der Massen zu steigern. Aber die Stimmzettel selbst können nicht die drohende Machtergreifung Hitlers verhindern. Das kann nur der revolutionäre Massenkampf!

Die unerhörte Zuspitzung des Klassenkampfes, das stürmische Tempo, in dem die Voraussetzungen der revolutionären Krise in Deutschland immer rascher, immer umfassender heranreifen, bricht ich mit der wachsenden Aktivität der Arbeiterklasse Bahn.

Von dieser Gewißheit ausgehend, muß die Partei immer klarer den revolutionären Ausweg aus der Krise aufzeigen, ihre programmatische Losung der Arbeiter- und Bauernrepublik konkretisieren und darüber hinaus die Massen durch die Steigerung aller Formen des antifaschistischen Freiheitskampfes praktisch auf den revolutionären Ausweg führen. Auf der Linie dieser revolutionären Politik, angesichts der unvermeidlichen erbitterten Schlachten des Klassenkampfes ist die erfolgreiche Überwindung jener Hauptschwächen unserer revolutionären Massenarbeit in den Betrieben den Gewerkschaften, auf den Stempelstellen und unter der Jugend eine Schicksalsfrage für die Partei und das Proletariat. Diese Frage lösen, die Schwelle einer neuen Etappe der Bolschewisierung unserer Partei vollends überschreiten, das heißt nicht nur die Früchte des 31. Juli, unseres Wahlsieges, ernten, das heißt weit mehr: die proletarische Klassenarmee für mächtige entscheidende Kämpfe formieren!

Die Internationale, Heft 7/8, 1932

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Ein Gedanke zu “Ernst Thälmann: Die neue Etappe der Bolschewisierung der KPD

  1. Das entspricht genau dem, was auch Lenin 1912 auf der Prager Konferenz mit der Vertreibung der charakterlosen Scheißkerle (сволочи) aus der Partei der Bolschewiki bezweckte hatte. https://sascha313.wordpress.com/2014/01/22/die-grundung-einer-leninschen-partei-neuen-typs-auf-der-vi-prager-konferenz-im-jahre-1912/

    Wäre das schon eher geschehen, hätte sicher auch die Novemberrevolution 1918 in Deutschland einen anderen Verlauf genommen.Doch mit der Einigung der Sozialdemokraten und Gründung des „Rates der Volksbeauftragten“ am 10. November 1918 waren Ebert, Haase, Scheidemann u.da. den Kommunisten zuvorgekommen…

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