Vorsitzender Mao Tsetung – Über die internationale Lage und den Beginn des II. Weltkrieges in Europa (September 1939)

Bildergebnis für mao tsetung zweiter weltkrieg

Angesichts des 80. Jahrestages des Beginns des II. imperialistischen Weltkrieges in Europa (1939-1945) und dem diesjährigen Anti-Kriegstag am 1. September werden viele (anti-kommunistische) Hetzartikel, TV-Filme und „Dokumentationen“ gezeigt werden. Gegen dieses Gift der imperialistische Propaganda hilft die Einschätzung der internationalen Lage, der Bündnisbildung innerhalb der Imperialisten und den Beginn des II. Weltkrieges in Europa im September 1939 durch zwei Schriften des Vorsitzenden Mao Tsetung, die im nachfolgenden abgedruckt sind:

  • Mao Tsetung: Gespräch mit einem Korrespondenten der Zeitung Hsinhua Jibao über die internationale Lage (1. September 1939)
  • Mao Tsetung: Die Interessen der Sowjetunion fallen mit den Interessen der gesamten Menschheit zusammen (28. September 1939)

 

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Mao Tse-tung:

GESPRÄCH MIT EINEM KORRESPONDENTEN DER ZEITUNG HSINHUA JIBAO ÜBER DIE NEUE INTERNATIONALE LAGE

(1. September 1939)

Frage des Korrespondenten: Welche Bedeutung hat die Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes zwischen der Sowjetunion und Deutschland (1)?

Antwort Mao Tse-tungs: Der sowjetisch-deutsche Nichtangriffspakt ist das Ergebnis der wachsenden Stärke des Sozialismus in der Sowjetunion und der konsequenten Durchführung der Friedenspolitik der Sowjetregierung. Dieser Vertrag durchkreuzte die Intrigen, die von der internationalen reaktionären Bourgeoisie durch Chamberlain und Daladier angezettelt wurden und darauf gerichtet waren, einen Krieg zwischen der Sowjetunion und Deutschland zu provozieren. Er sprengte die Einkreisung der Sowjetunion durch den deutsch-italienisch-japanischen antikommunistischen Block, festigte den Frieden zwischen der Sowjetunion und Deutschland und wurde zur Garantie für die Entwicklung des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion. Im Osten versetzte dieser Vertrag Japan einen Schlag und erwies China eine Hilfe; er stärkte die Position der chinesischen Widerstandskräfte und war ein Schlag gegen die chinesischen Kapitulanten. Das alles schafft eine Grundlage, um den Völkern der ganzen Welt in ihrem Kampf für Befreiung und Freiheit zu helfen. Darin liegt die ganze politische Bedeutung des sowjetisch-deutschen Nichtangriffspaktes.

Frage: Die Menschen haben noch nicht begriffen, daß der Abschluß des sowjetisch-deutschen Nichtangriffspaktes das Ergebnis des Scheiterns der Verhandlungen zwischen England, Frankreich und der Sowjetunion war. Sie nehmen vielmehr an, daß diese Verhandlungen durch die Unterzeichnung des sowjetisch-deutschen Vertrags gesprengt worden wären. Erklären Sie bitte, warum die englisch-französischsowjetischen Verhandlungen erfolglos waren.

Antwort: Die englisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen hatten ausschließlich deshalb keinen Erfolg, weil die Regierungen Englands und Frankreichs nicht aufrichtig waren. In den letzten Jahren hat die internationale reaktionäre Bourgeoisie – und vor allem die reaktionäre Bourgeoisie Englands und Frankreichs – gegenüber der Aggression der deutschen, italienischen und japanischen Faschisten stets eine reaktionäre Politik betrieben, und zwar die Politik der „Nichteinmischung“. Sie verfolgten diese Politik mit dem Ziel, aggressive Kriege zu dulden und aus diesen Kriegen Vorteile für sich herauszuschlagen. Deshalb lehnten England und Frankreich die wiederholten Vorschläge der Sowjetunion, eine wirkliche Kampffront gegen die Aggression zu organisieren, kategorisch ab, stellten sich auf einen Standpunkt der „Nichteinmischung“ und duldeten die Aggression Deutschlands, Italiens und Japans, wobei sie selbst als Beobachter abseits standen. Sie verfolgten das Ziel, die beiden kriegführenden Seiten sich gegenseitig erschöpfen zu lassen, um dann auf den Schauplatz zu treten und sich einzumischen. Im Zuge der Durchführung dieser reaktionären Politik wurde halb China Japan geopfert, während ganz Abessinien, ganz Spanien, ganz Österreich und die ganze Tschechoslowakei Deutschland und Italien zum Opfer gebracht wurden. (2) Diesmal wollten England und Frankreich die Sowjetunion opfern. Diese Intrigen offenbarten sich schon ganz deutlich während der jüngsten englischfranzösisch-sowjetischen Verhandlungen. Bei diesen Verhandlungen, die über vier Monate – vom 15. April bis zum 23. August – dauerten, legte die sowjetische Seite größte Geduld an den Tag. England und Frankreich dagegen weigerten sich von Anfang bis Ende, das Prinzip der Gleichheit und der Gegenseitigkeit anzuerkennen. Sie forderten, daß ihre Sicherheit von der Sowjetunion garantiert werde, waren aber selbst nicht bereit, die Sicherheit der Sowjetunion zu garantieren, waren nicht bereit, die Sicherheit der kleinen baltischen Länder zu garantieren, weil sie hier eine Lücke für den Vormarsch deutscher Truppen freilassen wollten; außerdem weigerten sie sich, den sowjetischen Truppen den Durchmarsch durch Polen zu erlauben, damit diese nicht gegen die Aggressoren kämpfen konnten. Das ist die Ursache für das Scheitern der Verhandlungen. Inzwischen erklärte sich Deutschland bereit, den Kampf gegen die Sowjetunion einzustellen und auf den sogenannten Antikominternpakt3 zu verzichten, und erkannte die Unantastbarkeit der sowjetischen Grenzen an; daraufhin wurde der sowjetisch-deutsche Nichtangriffspakt abgeschlossen. Die Politik der „Nichteinmischung“, wie sie von der internationalen und vor allem von der englisch-französischen Reaktion betrieben wurde, ist die Politik, „auf dem Berg sitzend dem Kampf der Tiger zuzuschauen“, es ist die reinste imperialistische Politik des eigenen Vorteils auf fremde Kosten. Diese Politik wurde mit dem Amtsantritt Chamberlains eingeleitet, erreichte ihren Höhepunkt mit dem Abschluß des Münchener Abkommens im September vorigen Jahres und erlitt schließlich ein völliges Fiasko während der jüngsten englisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen. Künftig wird es unweigerlich zum unmittelbaren Konflikt zwischen den beiden großen imperialistischen Blocks – dem englisch-französischen und dem deutsch-italienischen Block – kommen. Auf dem 6. Plenum des auf dem VI. Parteitag gewählten Zentralkomitees der KP Chinas im Oktober 1938 sagte ich: „Der Stein, den sie erhoben haben, fällt auf ihre eigenen Füße – das wird das unvermeidiche Ergebnis der Chamberlainschen Politik sein.“ Chamberlain begann mit der Absicht, anderen zu schaden, und endete mit dem Ergebnis, daß er sich selbst geschadet hat. Das wird die Gesetzmäßigkeit der Entwicklung einer jeden reaktionären Politik sein.

Frage: Wie wird sich Ihrer Meinung nach die gegenwärtige Lage entwickeln?

Antwort: Die internationale Lage befindet sich augenblicklich bereits in einem neuen Stadium. Der seit langem begonnene zweite imperialistische Krieg – der einen einseitigen Charakter trägt, da infolge der „Nichteinmischungs“politik die eine Seite angreift und die andere tatenlos zuschaut – wird nunmehr in Europa zwangsläufig zu einem allgemeinen Krieg. Der zweite imperialistische Krieg tritt bereits in eine neue Phase.

In Europa steht ein großer imperialistischer Krieg zwischen dem deutsch-italienischen und dem englisch-französischen imperialistischen Block um die Herrschaft über die Kolonialvölker unmittelbar bevor. Um die Völker zu betrügen, um die öffentliche Meinung für sich zu mobilisieren, wird jede der beiden kriegführenden Seiten im Verlauf dieses Krieges mit aller Unverschämtheit behaupten, sie führe einen gerechten, der Gegner aber einen ungerechten Krieg. In Wirklichkeit ist das reinster Betrug, denn die Ziele der beiden Seiten sind imperialistische, beide Seiten kämpfen um die Herrschaft über Kolonien, Halbkolonien und Einflußsphären, und der Krieg wird auf beiden Seiten ein Raubkrieg sein. So geht der Kampf im gegebenen Augenblick um Polen, um die Balkanhalbinsel und um die Mittelmeerküste. Ein solcher Krieg ist durchaus nicht gerecht. In der Welt sind nur Befreiungskriege, die also keinen räuberischen Charakter tragen, gerechte Kriege. Die Kommunisten werden niemals Raubkriege unterstützen. Die Kommunisten werden mutig hervortreten und alle gerechten Kriege, die eben keine Raubkriege, sondern Befreiungskriege sind, unterstützen und an der vordersten Front des Kampfes stehen. Innerhalb der sozialdemokratischen Parteien, die der II. Internationale angehören, geht infolge der Drohungen und Verlockungen Chamberlains und Daladiers eine Spaltung vor sich. Der eine Teil – die reaktionäre Oberschicht dieser Parteien – geht denselben Weg wie zur Zeit des ersten Weltkriegs und bereitet sich darauf vor, den neuen imperialistischen Krieg zu unterstützen. Der andere Teil wird aber gemeinsam mit den Kommunisten eine Volksfront gegen Krieg und Faschismus schaffen. Chamberlain und Daladier ahmen Deutschland und Italien nach, gleiten dabei immer mehr auf den reaktionären Weg ab und benutzen die Kriegsmobilisierung, um die Struktur ihrer Staaten zu faschisieren und ihre Wirtschaft auf den Krieg umzustellen. Kurzum, die beiden großen imperialistischen Blocks rüsten fieberhaft zum Krieg, und die Gefahr eines großen blutigen Gemetzels schwebt über den Köpfen von Millionen Menschen. Das wird zweifellos eine Widerstandsbewegung unter den breiten Volksmassen auslösen. Ob in Deutschland und Italien oder in England und Frankreich, ob in Europa oder in den anderen Erdteilen, die Völker werden, wenn sie nicht zum Kanonenfutter für die Imperialisten werden wollen, sich unbedingt erheben und in den verschiedensten Formen den Kampf gegen den imperialistischen Krieg führen.

Außer den beiden genannten großen Blocks gibt es in der kapitalistischen Welt auch noch einen dritten Block – das ist der Block, der von den USA geführt wird und dem eine ganze Reihe von Staaten Mittel- und Südamerikas angehören. Dieser Block wird sich, von seinen eigenen Interessen ausgehend, vorläufig noch nicht in den Krieg einmischen. Der USA-Imperialismus hat die Absicht, durch Neutralität getarnt, vorläufig noch auf keiner Seite in den Krieg einzugreifen, um späterhin auf den Schauplatz zu treten und die führende Stellung in der kapitalistischen Welt zu erringen. Die Bourgeoisie der USA hat vorläufig noch nicht die Absicht, im eigenen Land die Demokratie und das normale Wirtschaftsleben aufzulösen, und das ist günstig für die Friedensbewegung in der Welt.

Der sowjetisch-deutsche Vertrag hat dem japanischen Imperialismus einen schweren Schlag versetzt, und ihm stehen in der Zukunft noch größere Schwierigkeiten bevor. In der Außenpolitik ist jetzt in Japan der Kampf zwischen zwei Gruppen im Gange. Die Militärmachthaber möchten ein Bündnis mit Deutschland und Italien schließen, um die ungeteilte Herrschaft über China zu erringen, ihre Aggression in Südostasien durchzuführen und England, die USA und Frankreich aus dem Osten zu verdrängen. Ein Teil der Bourgeoisie jedoch zieht es vor, England, den USA und Frankreich Zugeständnisse zu machen, um sich ganz auf die Ausplünderung Chinas zu konzentrieren. Sehr stark sind heute in Japan Tendenzen zu einem Kompromiß mit England. Die englische Reaktion will, daß Japan unter der Bedingung einer gemeinsamen Aufteilung Chinas und im Austausch gegen finanzielle und wirtschaftliche Hilfe zum Kettenhund der englischen Interessen im Osten wird, daß es die nationale Befreiungsbewegung in China unterdrückt und die Sowjetunion bindet. Somit wird Japan auf sein Hauptziel, China zu unterjochen, unter keinen Umständen verzichten. Die Möglichkeit eines breitangelegten militärischen Frontalangriffs Japans gegen China mag vielleicht nicht sehr groß sein, aber Japan wird verstärkt seine politische Offensive führen, um „Chinesen durch Chinesen zu unterdrücken“ (4), und es wird seine wirtschaftliche Aggression mit aller Macht betreiben, um den „Krieg durch den Krieg zu ernähren“ (5). In den besetzten Gebieten aber wird es die wütenden „Säuberungsoperationen“ (6) fortsetzen; überdies wird Japan versuchen, China durch England zur Kapitulation zu zwingen. In einem bestimmten, für Japan günstigen Augenblick wird es ein „östliches München“ vorschlagen. Mit gewissen relativ großen Zugeständnissen als Köder wird es China durch Verlockungen und Drohungen einen Kapitulationsvertrag aufzwingen, um auf diese Weise die Unterjochung Chinas zu erreichen. Welche Kabinette auch von den herrschenden Klassen Japans an die Macht gebracht werden sollten – dieses imperialistische Ziel wird so lange unverändert bleiben, bis die Revolution des japanischen Volkes ausbricht.

Neben der kapitalistischen Welt gibt es noch eine andere, eine lichte Welt; das ist die sozialistische Sowjetunion. Der sowjetisch-deutsche Vertrag gibt der Sowjetunion größere Möglichkeiten, der Friedensbewegung in der Welt Hilfe zu leisten und Chinas Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression zu unterstützen.

Das ist meine Einschätzung der internationalen Lage.

Frage: Welche Perspektiven bieten sich in dieser Situation für China?

Antwort: Es gibt für China zwei Perspektiven: die erste – am Widerstandskrieg, am Zusammenschluß und am Fortschritt festhalten; das ist der Weg zu seiner Erneuerung. Die zweite Perspektive – sich auf Kompromisse, auf Spaltung und auf Rückschritt einlassen, das ist der Weg zur Unterjochung Chinas.

In der neuen internationalen Lage und unter der Voraussetzung, daß Japan auf wachsende Schwierigkeiten stößt und China sich entschieden weigert, Kompromisse einzugehen, wird das Stadium des strategischen Rückzugs Chinas abgeschlossen werden und das Stadium des strategischen Gleichgewichts beginnen. Das Stadium des strategischen Gleichgewichts ist das Stadium der Vorbereitung der Gegenoffensive.

Aber das Gleichgewicht an der Front steht in einem umgekehrten Verhältnis zu dem Gleichgewicht hinter den feindlichen Linien. Tritt an der Front das Gleichgewicht ein, dann wird der Kampf hinter den feindlichen Linien heftiger. So werden die großangelegten „Säuberungsoperationen“ des Feindes, die in den besetzten Gebieten (vor allem in Nordchina) nach dem Fall von Wuhan begonnen haben, späterhin nicht nur fortgesetzt, sondern noch intensiviert werden. Ferner – da gegenwärtig die Politik des Feindes hauptsächlich auf die politische Offensive gerichtet ist, die das Ziel verfolgt, „Chinesen durch Chinesen zu unterdrücken“, und auf die ökonomische Aggression, mit der bezweckt wird, den „Krieg durch den Krieg zu ernähren“, und die Politik Englands im Osten auf ein „fernöstliches München“ gerichtet ist – wächst außerordentlich die Gefahr der Kapitulation auf einem großen Teil des chinesischen Territoriums und die Gefahr der inneren Spaltung. Was das Kräfteverhältnis anbelangt, so kann sich unser Land noch lange nicht mit dem Feind vergleichen, und wir werden die Kräfte für die Gegenoffensive nur unter der Bedingung vorbereiten können, daß das ganze Land einmütig und hart dafür kämpfen wird.

Folglich bleibt es für unser Land immer noch eine sehr ernste Aufgabe, am Widerstandskrieg festzuhalten, sie darf unter keinen Umständen auf die leichte Achsel genommen werden.

Folglich unterliegt es keinem Zweifel, daß China den gegenwärtigen Augenblick absolut nicht verpassen darf, daß es auf keinen Fall eine falsche Konzeption verfolgen darf; es muß einen festen politischen Standpunkt einnehmen.

Mit anderen Worten: Erstens muß man am Standpunkt des Widerstandskriegs festhalten und gegen jegliches Kompromißlertum kämpfen. Man muß den Wang Djing-wes – den offenen wie den versteckten – entschieden Schläge versetzen. Alle Verlockungen sind kategorisch abzulehnen, gleichgültig, ob sie von Japan oder von England kommen. China darf auf keinen Fall an einem „östlichen München“ teilnehmen. Zweitens muß man an dem Standpunkt des Zusammenschlusses festhalten und gegen jegliche Spaltertätigkeit kämpfen. Hier muß man ebenfalls äußerste Wachsamkeit an den Tag legen, unabhängig davon, wer eine solche Tätigkeit ausübt, seien es die japanischen Imperialisten, seien es andere fremde Staaten, seien es die Kapitulanten innerhalb des Landes. Mit aller Strenge ist jede innere Reibung zu unterbinden, die dem Widerstandskrieg schadet.

Drittens muß man an dem Standpunkt des Fortschritts festhalten und gegen jeden Rückschritt kämpfen. Im Interesse des Widerstandskriegs sind alle Ideen, Verordnungen und Maßnahmen sowohl auf militärischem, politischem und finanziell-wirtschaftlichem Gebiet als auch in Parteiangelegenheiten, auf dem Gebiet der Kultur und des Erziehungswesens sowie auf dem Gebiet der Massenbewegungen, die für den Widerstandskrieg von Nachteil sind, zu überprüfen und gründlich zu korrigieren.

Wenn all das getan sein wird, kann China seine Kräfte wirksam für die Gegenoffensive sammeln.

Von nun an muß das ganze Land die „Vorbereitung zum Gegenangriff“ als seine Hauptaufgabe im Widerstandskrieg ansehen.

Jetzt gilt es, die frontale Verteidigung unbeirrbar aufrechtzuerhalten und die Kampfoperationen hinter den feindlichen Linien tatkräftig zu unterstützen und gleichzeitig politische, militärische und sonstige Umgestaltungen durchzuführen und gewaltige Kräfte anzusammeln, um dann, wenn die Zeit gekommen ist, die ganze Macht des Landes in einer großen Gegenoffensive einzusetzen und die verlorenen Gebiete zurückzuerobern.

ANMERKUNGEN

1) Der sowjetisch-deutsche Nichtangriffspakt wurde am 23. August 1939 abgeschlossen.

2) Im Oktober 1939 begann Italien die bewaffnete Aggression gegen Abessinien und hatte es im Mai 1936 vollständig besetzt. Im Juli 1936 begannen Deutschland und Italien gemeinsam eine bewaffnete Intervention in Spanien und unterstützten die Meuterei des Faschisten Franco, der sich gegen die Volksfrontregierung Spaniens erhoben hatte. Nach einem langwierigen Krieg gegen die Truppen der deutsch-italienischen Interventen und der Franco-Meuterer erlitt die Volksfrontregierung im März 1939 schließlich eine Niederlage. Im März 1938 besetzten deutsche Truppen Österreich, im Oktober des gleichen Jahres das Sudetengebiet in der Tschechoslowakei und im März 1939 die gesamte Tschechoslowakei. Infolge der Duldung und Ermunterung durch die „Nichteinmischungs“politik der englischen und der französischen Regierung wurde es den deutschen und italienischen Faschisten möglich, diese tollwütigen Aggressionsakte zu unternehmen und dabei Erfolg zu haben.

3) Im November 1936 schlossen Japan und Deutschland den sogenannten Antikominternpakt. Im November 1937 schloß sich Italien diesem Pakt an.

4) „Chinesen durch Chinesen unterdrücken“ war eines der heimtückischen Mittel, die der japanische Imperialismus bei seiner Aggression gegen China anwandte. Die japanischen Imperialisten hatten in China von jeher Kräfte aufgezogen, deren sie sich bedienen wollten, um China von innen her zu spalten und ihre aggressiven Ziele zu erreichen. Nach dem Ausbruch des Widerstandskriegs gegen Japan bedienten sich die japanischen Imperialisten nicht nur der offen projapanischen Elemente, der Clique Wang Djing-wes in der Kuomintang, sondern auch der Kräfte der Tschiangkaischek-Clique, um die Kommunistische Partei, welche die entschiedenste Position im Widerstandskrieg einnahm, in Schach zu halten. Seit 1939 stellten sie ihre Angriffe gegen die Truppen Tschiang Kai-scheks ein und ermunterten ihn auf politischem Gebiet zu antikommunistischen Aktionen. So wurde die Politik der „Unterdrückung der Chinesen durch Chinesen“ verwirklicht.

5) Die japanischen Imperialisten plünderten die besetzten Gebiete Chinas grausam aus, um auf diese Weise die materiellen Erfordernisse ihres Aggressionskriegs sicherzustellen. Diese Politik nannten die japanischen Militärmachthaber den „Krieg durch den Krieg ernähren“.

6) Während des Widerstandskriegs führten die japanischen Aggressoren bei Angriffen gegen unsere befreiten Volksgebiete die höchst barbarische „Politik des dreifachen Total“ durch: „total niederbrennen, total niedermetzeln, total ausplündern“. Das bezeichneten sie als „Säuberungsoperationen“.

Quelle: Mao Tsetung, Ausgewählte Werke Band II, Peking, 1968, S. 303-310

 

Mao Tse-tung:

DIE INTERESSEN DER SOWJETUNION FALLEN MIT DEN INTERESSEN DER GESAMTEN MENSCHHEIT ZUSAMMEN

(28. September 1939)

Die Chinesisch-Sowjetische Kulturgesellschaft hat mich gebeten, zu dem bevorstehenden 22. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution einen Artikel zu schreiben. Ich möchte auf der Grundlage meiner Beobachtungen einige Probleme erläutern, die sowohl die Sowjetunion als auch China betreffen; denn diese Fragen werden jetzt gerade in breiten Kreisen des chinesischen Volkes diskutiert, und anscheinend sind noch keine endgültigen Schlußfolgerungen gezogen worden. Da mag es nicht unnütz sein, wenn ich bei dieser Gelegenheit zur Information jener, die sich für den Krieg in Europa und für die chinesisch-sowjetischen Beziehungen interessieren, einige Erwägungen beisteuere.

Manche behaupten, der Ausbruch eines Weltkriegs sei vorteilhaft für die Sowjetunion, sie erstrebe nicht die Erhaltung des Friedens in der Welt, und der Ausbruch des gegenwärtigen Weltkriegs sei eben dadurch gefördert worden, daß die Sowjetunion statt eines Abkommens über gegenseitige Hilfe mit England und Frankreich einen Nichtangriffspakt mit Deutschland geschlossen habe. Ich halte eine solche Meinung für unrichtig, denn während einer sehr langen Periode war die sowjetische Außenpolitik eine konsequente Friedenspolitik, bei der die Interessen der Sowjetunion mit den Interessen der überwältigenden Mehrheit der Menschheit verknüpft waren. Nicht nur um des eigenen sozialistischen Aufbaus willen brauchte die Sowjetunion den Frieden, brauchte sie die Festigung ihrer friedlichen Beziehungen zu allen Ländern der Welt, damit es zu keinem antisowjetischen Krieg komme; auch im Interesse der Erringung des Friedens im Weltmaßstab war es erforderlich, eine Aggression der faschistischen Staaten zu verhindern, die auf die Provozierung eines Krieges gerichteten Handlungen der sogenannten demokratischen Staaten zu unterbinden und den Ausbruch eines imperialistischen Weltkriegs soweit wie möglich hinauszuschieben. Seit vielen Jahren macht die Sowjetunion die größten Anstrengungen für die Sache des Weltfriedens. Sie trat beispielsweise dem Völkerbund bei und schloß Abkommen über gegenseitige Hilfe mit Frankreich und der Tschechoslowakei (2), sie war in jeder Weise bemüht, mit England sowie mit allen Staaten, die Frieden wollten, Abkommen über die Gewährleistung der Sicherheit zu schließen. Als Deutschland und Italien gemeinsam Spanien überfielen und England, die USA und Frankreich eine Politik zu betreiben begannen, die dem Namen nach als „Nichteinmischung“ deklariert wurde, in Wirklichkeit aber eine Duldung der deutsch-italienischen Aggression bedeutete, unterstützte die Sowjetunion aktiv die spanischen Regierungstruppen in ihrem Widerstand gegen Deutschland und Italien und kämpfte gegen die englisch-amerikanisch-französische Politik der „Nichteinmischung“. Als China von Japan überfallen wurde und England, die USA und Frankreich dieselbe Politik der „Nichteinmischung“ zu betreiben begannen, schloß die Sowjetunion nicht nur einen Nichtangriffspakt mit China ab, sondern leistete China auch aktive Hilfe in seinem Widerstand gegen Japan. Als England und Frankreich mit der Opferung Österreichs und der Tschechoslowakei die Aggression Hitlers duldeten, sparte die Sowjetunion keine Mühe, das Intrigenspiel der München-Politik zu entlarven, und wandte sich an England und Frankreich mit dem Vorschlag, die weitere Ausbreitung der Aggression zu unterbinden. Als sich im Frühjahr und Sommer dieses Jahres die polnische Frage verschärfte und der Weltkrieg jeden Augenblick ausbrechen konnte, führte die Sowjetunion trotz der Unaufrichtigkeit, die Chamberlain und Daladier an den Tag gelegt hatten, mehr als vier Monate lang Verhandlungen mit England und Frankreich in dem Bestreben, einen englisch-französisch-sowjetischen Vertrag über gegenseitige Hilfe abzuschließen und den Ausbruch des Weltkriegs abzuwenden. Leider wurde das alles durch die imperialistische Politik der Regierungen Englands und Frankreichs, durch ihre Politik der Duldung des Krieges, der Schürung des Krieges, der Erweiterung des Krieges verhindert; die Sache des Weltfriedens erlitt einen letzten Fehlschlag, und schließlich brach der imperialistische Weltkrieg aus. Die Regierungen Englands, der USA und Frankreichs hatten überhaupt nicht die aufrichtige Absicht, den Ausbruch des Weltkriegs abzuwenden – im Gegenteil, sie beschleunigten ihn. Indem sie einen Kompromiß mit der Sowjetunion ablehnten, indem sie sich weigerten, mit dieser einen wirksamen Vertrag über gegenseitige Hilfe auf der Grundlage der Gleichberechtigung und der Gegenseitigkeit abzuschließen, bewiesen sie, daß sie den Krieg und nicht den Frieden wollten. Es ist jedem bekannt: In der heutigen Welt die Sowjetunion ablehnen heißt den Frieden ablehnen. Das weiß selbst ein solcher Vertreter der englischen Bourgeoisie wie Lloyd George.3 In dieser Lage, in diesem Moment, brachte Deutschland seine Bereitschaft zum Ausdruck, sowjetfeindliche Handlungen einzustellen, auf den „Antikominternpakt“ zu verzichten und die Unantastbarkeit der sowjetischen Grenzen anzuerkennen; hierauf wurde der Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und Deutschland abgeschlossen. England, die USA und Frankreich verfolgten den Plan, Deutschland zu einem Krieg gegen die Sowjetunion aufzuhetzen, sie selbst aber wollten „auf dem Berg sitzend dem Kampf der Tiger zuschauen“, die Sowjetunion und Deutschland sich in einem Krieg gegenseitig zermürben lassen, und dann würden sie auf den Schauplatz treten und Ordnung schaffen. Diese Verschwörung wurde durch den Abschluß des sowjetisch-deutschen Nichtangriffspaktes durchkreuzt. Manche unserer Landsleute beachteten diese Verschwörung nicht, sie verfolgten nicht die Intrigen des englisch-französischen Imperialismus, die auf die Duldung des Krieges, die Schürung des Krieges, auf die Beschleunigung des Ausbruchs eines Weltkriegs abzielten, sie waren buchstäblich durch die honigsüße Propaganda der Verschwörer hinters Licht geführt worden. Als es um Spanien, um China, um Österreich und um die Tschechoslowakei ging, hatten diese Verschwörer nicht nur nicht die geringste Absicht, die Aggression zu unterbinden, sondern ließen im Gegenteil der Aggression freien Lauf und schürten den Krieg, indem sie die Rolle spielten wie jener Fischer, der die Rauferei einer Schnepfe mit einer Muschel benutzte, um beide zu fangen. Das nannten sie euphemistisch „Nichteinmischung“. In Wirklichkeit bedeutet das „auf dem Berg sitzend dem Kampf der Tiger zuschauen“. Wie viele Menschen in der Welt wurden durch die honigsüßen Reden Chamberlains und seiner Konsorten getäuscht, waren nicht fähig, hinter dem Lächeln das mörderische Vorhaben zu erkennen oder zu begreifen, daß die Sowjetunion den Nichtangriffspakt mit Deutschland erst dann unterzeichnete, als Chamberlain und Daladier entschlossen waren, die Vorschläge der Sowjetunion abzulehnen und den imperialistischen Krieg zu entfesseln. Es ist für diese Menschen an der Zeit, endlich aufzuwachen. So verteidigte die Sowjetunion bis zum letzten Augenblick den Weltfrieden, und darin fand die Übereinstimmung der Interessen der Sowjetunion mit denen der überwältigen den Mehrheit der Menschheit ihren Ausdruck. Das ist die erste Frage, auf die ich eingehen wollte.

Manche behaupten: Da nun schon der zweite imperialistische Weltkrieg ausgebrochen ist, wird sich die Sowjetunion wahrscheinlich einer der kriegführenden Parteien anschließen – mit anderen Worten, die Rote Armee der Sowjetunion würde bald an der Seite des deutschen Imperialismus am Krieg teilnehmen. Ich halte eine solche Meinung für unrichtig. Der jetzt ausgebrochene Krieg ist sowohl von Seiten Englands und Frankreichs als auch von Seiten Deutschlands ein ungerechter, ein räuberischer, ein imperialistischer Krieg. Die kommunistischen Parteien und die Völker aller Länder müssen sich dagegen erheben, müssen den imperialistischen Charakter der beiden kriegführenden Seiten entlarven, müssen zeigen, daß dieser Krieg den Völkern der Welt lediglich Schaden zufügt und ihnen nicht im geringsten nützt, sie müssen die verbrecherischen Taten der sozialdemokratischen Parteien entlarven, die den imperialistischen Krieg unterstützen und die Interessen des Proletariats verraten. Die Sowjetunion ist ein sozialistischer Staat, ein Staat, in dem die Kommunistische Partei an der Macht ist, und die Einstellung der Sowjetunion zum Krieg wird notwendigerweise auf zweierlei Weise deutlich zum Ausdruck kommen: 1. in der entschiedenen Ablehnung der Teilnahme an ungerechten, räuberischen, imperialistischen Kriegen und in der strikten Wahrung der Neutralität gegenüber den beiden kriegführenden Parteien. Deshalb wird die Rote Armee der Sowjetunion in keinem Fall prinzipienlos auf einer der imperialistischen Seiten am Krieg teilnehmen; 2. in der aktiven Unterstützung der gerechten Kriege, die keine Raubkriege, sondern Befreiungskriege sind. So hat die Sowjetunion beispielsweise vor dreizehn Jahren dem chinesischen Volk während des Nordfeldzugs Hilfe geleistet; vor einem Jahr hat sie das spanische Volk im Widerstandskrieg gegen die deutsch-italienische Aggression unterstützt; sie leistet seit zwei Jahren dem chinesischen Volk Hilfe im Widerstandskrieg gegen Japan und hilft seit einigen Monaten dem mongolischen Volk in seinem Widerstandskrieg gegen Japan; sie wird selbstverständlich auch die Volksbefreiungskriege und die nationalen Befreiungskriege, die künftig in anderen Ländern oder unter anderen Nationen ausbrechen könnten, unterstützen, und sie wird ebenso selbstverständlich jene Kriege unterstützen, die im Interesse der Verteidigung des Friedens liegen. Das ist durch die Geschichte der Sowjetunion in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren bestätigt worden und wird durch den weiteren Verlauf der Geschichte bestätigt werden. Manche betrachten den auf der Grundlage des sowjetisch-deutschen Handelsabkommens betriebenen Handel der Sowjetunion mit Deutschland als einen Akt der Teilnahme der Sowjetunion am Krieg an der Seite Deutschlands. Diese Meinung ist ebenfalls unrichtig, weil der Handelsverkehr in diesem Fall mit der Teilnahme am Krieg verwechselt wird. Den Handelsverkehr darf man nicht mit der Teilnahme am Krieg, ja nicht einmal mit einer Hilfeleistung verwechseln. So hat die Sowjetunion beispielsweise während des Krieges in Spanien mit Deutschland und Italien Handel getrieben, aber niemand in der Welt hat je gesagt, daß die Sowjetunion Deutschland und Italien in der Aggression gegen Spanien geholfen hätte, im Gegenteil, man sagte, daß sie Spanien im Widerstand gegen die Aggression Deutschlands und Italiens unterstützte, und zwar deshalb, weil das die Sowjetunion tatsächlich getan hat. Oder beispielsweise jetzt, da der Krieg zwischen China und Japan im Gange ist, treibt die Sowjetunion auch Handel mit Japan, aber niemand in der Welt sagt, daß die Sowjetunion Japan in seiner Aggression gegen China helfe, im Gegenteil, man sagt, sie unterstütze China im Widerstand gegen die japanische Aggression, und zwar deshalb, weil das tatsächlich der Fall ist. Gegenwärtig unterhalten beide am Weltkrieg teilnehmenden Parteien Handelsbeziehungen mit der Sowjetunion, aber man darf diese Tatsache nicht als Hilfeleistung der Sowjetunion für diese oder jene kriegführende Partei und noch weniger als Teilnahme der Sowjetunion an diesem Krieg auslegen. Nur wenn sich der Charakter des Krieges ändert, wenn der Krieg in einem Land oder in mehreren Ländern bestimmte notwendige Veränderungen erfahren hat und den Interessen der Sowjetunion sowie der Völker aller Welt zu entsprechen beginnt, nur dann kann eine Hilfeleistung der Sowjetunion oder ihre Teilnahme am Krieg möglich sein. Andernfalls ist eine solche Möglichkeit ausgeschlossen. Was die Tatsache betrifft, daß die Sowjetunion sich veranlaßt fühlt, entsprechend der freundschaftlichen oder feindlichen Haltung der kriegführenden Staaten in größerem oder geringerem Umfang, bei unterschiedlichen Vergünstigungen mit ihnen Handel zu treiben, so liegt das an der Haltung der kriegführenden Staaten selbst und nicht an der Sowjetunion. Aber auch in dem Fall, daß irgendein Land oder mehrere Länder eine sowjetfeindliche Haltung einnehmen, wird die Sowjetunion, falls dieses Land oder diese Länder dennoch die diplomatischen Beziehungen aufrechtzuerhalten und Handelsverträge mit der Sowjetunion abzuschließen wünschen und ihr keinen Krieg erklären – in der Art etwa wie beispielsweise Deutschland vor dem 23. August vorging – , die Handelsbeziehungen zu diesem Land oder zu diesen Ländern nicht abbrechen. Solche Handelsbeziehungen sind keine Hilfe und noch weniger eine Teilnahme am Krieg. Das muß man klar begreifen. Das ist die zweite Frage, auf die ich eingehen wollte.

In unserem Land sind sehr viele Menschen über die Frage in Verwirrung geraten, daß sowjetische Truppen in Polen einmarschiert sind4. Das polnische Problem muß man von den verschiedenen Seiten betrachten, nämlich von der deutschen Seite, von der Seite Englands und Frankreichs, von der Seite der polnischen Regierung, von der Seite des polnischen Volkes und von der Seite der Sowjetunion. Deutschland führt den Krieg, um das polnische Volk auszuplündern, um eine der Flanken der englisch-französischen imperialistischen Front zu zerschlagen. Dieser Krieg hat imperialistischen Charakter, man kann mit ihm nicht sympathisieren, man muß gegen ihn kämpfen. Was England und Frankreich betrifft, so haben sie in Polen nur eines der Ausplünderungsobjekte für das englische und französische Finanzkapital gesehen; sie haben sich Polens bedient, um den deutschen Imperialismus daran zu hindern, daß er die Neuaufteilung der von ihnen zusammengeraubten Beute im Weltmaßstab in Angriff nimmt; sie haben Polen als eine der Flanken der eigenen imperialistischen Front angesehen. Deshalb ist der Krieg, den England und Frankreich führen, ein imperialistischen Krieg. Die sogenannte englisch-französische Hilfe für Polen ist weiter nichts als ein Ringen mit Deutschland um die Herrschaft über Polen. Mit diesem Krieg kann man ebensowenig sympathisieren, man muß gegen ihn kämpfen. Was die polnische Regierung betrifft, so ist sie eine faschistische Regierung, eine reaktionäre Regierung der Grundherren und der Bourgeoisie Polens. Sie hat die polnischen Arbeiter und Bauern grausam ausgebeutet und die polnischen Demokraten verfolgt. Ferner ist es eine Regierung großpolnischer Chauvinisten, die viele nichtpolnische nationale Minderheiten erbarmungslos unterdrückt hat Ukrainer, Belorussen, Juden, Deutsche, Litauer und andere, insgesamt mehr als zehn Millionen Menschen. Sie selbst ist eine imperialistische Regierung. In diesem Krieg hat sich die reaktionäre Regierung Polens durchaus bereit gezeigt, das polnische Volk als Kanonenfutter für das englische und französische Finanzkapital an die Front zu treiben und willig als ein Sektor der reaktionären Front des internationalen Finanzkapitals zu dienen. Im Lauf der letzten zwanzig Jahre hat sich die Regierung Polens stets gegen die Sowjetunion gewandt und während der englisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen die Hilfe der sowjetischen Truppen starrsinnig abgelehnt. Diese Regierung erwies sich obendrein als völlig untauglich, ihre riesige, mehr als anderthalb Millionen Mann starke Armee brach beim ersten Schlag zusammen; und innerhalb von zwei Wochen hat diese Regierung ihr eigenes Land zugrunde gerichtet und das polnische Volk vom deutschen Imperialismus zertrampeln lassen. All das sind himmelschreiende Verbrechen der polnischen Regierung, und es wäre falsch, mit einer solchen Regierung zu sympathisieren. Was das polnische Volk betrifft, so ist es das Opfer geworden und muß sich zum Kampf erheben gegen das deutsche faschistische Joch, gegen seine eigenen reaktionären Grundherren und Kapitalisten, um ein unabhängiges, freies, demokratisches Polen zu schaffen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß unsere Sympathien auf Seiten des polnischen Volkes sein müssen. Was die sowjetische Seite betrifft, so war ihr Handeln völlig gerechtfertigt. Vor der Sowjetunion standen damals zwei Fragen. Die erste: Soll man zulassen, daß ganz Polen unter die Herrschaft des deutschen Imperialismus gerät, oder soll man so handeln, daß die nationalen Minderheiten Ostpolens die Freiheit erlangen? In dieser Frage hat die Sowjetunion den zweiten Weg gewählt. Riesige Territorien, auf denen Belorussen und Ukrainer leben, sind durch den deutschen Imperialismus bereits beim Abschluß des Vertrags von Brest-Litowsk im Jahre 1918 den Händen des jungen Sowjetstaates gewaltsam entrissen und später auf Grund des Versailler Vertrags ebenso gewaltsam der Herrschaft der reaktionären Regierung Polens ausgeliefert worden. Jetzt hat die Sowjetunion lediglich die in der Vergangenheit verlorenen Territorien zurückgewonnen, die unterdrückten Belorussen und Ukrainer befreit und vor dem deutschen Joch gerettet. Die telegraphischen Meldungen der letzten Tage schildern, wie diese nationalen Minderheiten die Rote Armee, die sie als ihre Befreierin ansehen, mit Speise und Trank empfangen. Derartiges wird weder vom Territorium Westpolens gemeldet, das von der deutschen Armee erobert worden ist, noch wurde dergleichen von den Gebieten im Westen Deutschlands berichtet, als diese von französischen Truppen besetzt waren. All das zeugt dafür, daß der von der Sowjetunion geführte Krieg ein gerechter Krieg ist, kein Raubkrieg, sondern ein Befreiungskrieg, ein Krieg, der schwachen und kleinen Nationen hilft, sich zu befreien, der den Völkern hilft, sich zu befreien. Andererseits ist sowohl der Krieg, den Deutschland führt, als auch der Krieg, den England und Frankreich führen, ein ungerechter, räuberischer, imperialistischer Krieg, ein Krieg zur Unterdrückung anderer Nationen, zur Unterdrückung anderer Völker. Daneben ergab sich für die Sowjetunion eine zweite Frage, nämlich daß Chamberlain seine alte sowjetfeindliche Politik fortzusetzen versucht. Diese Politik Chamberlains besteht in folgendem: erstens, vom Westen her Deutschland weitgehend zu blockieren und einen Druck auf den westlichen Teil Deutschlands auszuüben; zweitens, sich mit den USA zu vereinigen, Italien, Japan und die Länder Nordeuropas zu bestechen, um sie auf die eigene Seite zu bringen und damit Deutschland zu isolieren; und drittens, Deutschland mit der Auslieferung Polens zu verlocken und es sogar mit der Preisgabe Ungarns und Rumäniens zu ködern. Kurz gesagt, Chamberlain möchte Deutschland mit allen möglichen Drohungen und Versprechungen zum Verzicht auf den sowjetisch-deutschen Nichtangriffspakt bewegen, damit es die Gewehre gegen die Sowjetunion kehrt und diese überfällt. Diese Umtriebe gab es nicht nur in der Vergangenheit, sie bestehen auch jetzt und werden andauern. Der Einmarsch der mächtigen sowjetischen Truppen in Ostpolen, der die Wiedererlangung des eigenen Territoriums, die Befreiung der schwachen und kleinen Nationalitäten zum ziel hatte, war gleichzeitig ein konkreter Schritt zur Verhinderung der Ausbreitung der deutschen aggressiven Kräfte nach dem Osten, zur Zerschlagung der heimtückischen Pläne Chamberlains. Nach den Meldungen der letzten Tage war diese Politik der Sowjetunion von sehr großem Erfolg gekrönt. Das bedeutet eine konkrete Manifestation des Zusammenfallens der Interessen der Sowjetunion mit den Interessen der überwältigenden Mehrheit der Menschheit, einer Übereinstimmung der Interessen der Sowjetunion mit den Interessen der unterdrückten Volksmassen, die sich unter der reaktionären polnischen Herrschaft befanden. Das ist die dritte Frage, auf die ich eingehen wollte.

Die Gesamtsituation, die sich nach dem Abschluß des sowjetischdeutschen Nichtangriffspaktes ergeben hat, bedeutet einen schweren Schlag für Japan und eine gewaltige Hilfe für China; dadurch sind in China die Positionen der Anhänger des Widerstandskriegs gegen Japan gestärkt und die der Kapitulanten geschwächt worden. Das chinesische Volk begrüßt mit Recht diesen Pakt. Aber nach Abschluß des Abkommens über die Einstellung der Kampfhandlungen bei Nomonhan5 streuen die englischen und amerikanischen Nachrichtenagenturen verstärkt Meldungen aus, wonach zwischen der Sowjetunion und Japan bald ein Nichtangriffspakt geschlossen würde, und das hat im chinesischen Volk eine gewisse Unruhe ausgelöst. Manche sind der Meinung, daß die Sowjetunion möglicherweise die Hilfe für China einstellen werde. Ich halte eine solche Annahme für unrichtig. Das Abkommen über die Einstellung der Kampfhandlungen bei Nomonhan ist seinem Charakter nach analog dem Abkommen über die Einstellung der Kampfhandlungen bei Dschanggaofeng6, und zwar: nachdem Japan auf die Knie gezwungen worden war, erkannten die japanischen Militaristen die Unantastbarkeit der sowjetischen und der mongolischen Grenzen an. Ein solches Abkommen über die Einstellung der Kampfhandlungen vergrößert eher die Möglichkeit der Hilfeleistung der Sowjetunion an China, als daß es sie verringert. Was einen japanischsowjetischen Nichtangriffspakt anbelangt, so hat die Sowjetunion Japan schon vor vielen Jahren die Unterzeichnung eines solchen vorgeschlagen, aber Japan hat diesen Vorschlag beständig abgelehnt. Gegenwärtig wünscht eine Gruppe der herrschenden Klassen Japans den Abschluß eines derartigen Paktes mit der Sowjetunion. Ob aber die Sowjetunion gewillt sein wird, diesen Pakt abzuschließen, hängt von dem grundlegenden Prinzip ab, ob der Pakt den Interessen der Sowjetunion sowie denen der überwiegenden Mehrheit der Menschheit entsprechen wird. Konkret gesagt handelt es sich darum, ob der Pakt nicht mit den Interessen des nationalen Befreiungskriegs Chinas kollidieren würde. Nach dem Rechenschaftsbericht Stalins an den XVIII. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion am 10. März dieses Jahres und der Rede Molotows auf der Tagung des Obersten Sowjets der UdSSR am 30. Mai dieses Jahres zu urteilen, wird meines Erachtens die Sowjetunion ihr Grundprinzip nicht ändern. Und selbst wenn ein japanisch-sowjetischer Nichtangriffspakt geschlossen werden sollte, würde die Sowjetunion bestimmt keinerlei Einschränkung ihrer Hilfsaktionen für China zulassen. Die Interessen der Sowjetunion werden auf keinen Fall in Kollision mit den Interessen der nationalen Befreiung Chinas geraten, sie werden mit diesen stets übereinstimmen. Ich halte das für absolut unzweifelhaft. Leute mit voreingenommener sowjetfeindlicher Einstellung benutzen den Abschluß des Abkommens über die Einstellung der Kampfhandlungen bei Nomonhan und die Gerüchte über den bevorstehenden Abschluß eines japanisch-sowjetischen Nichtangriffspaktes, um Unwetter aufkommen zu lassen und somit zwischen den beiden großen Völkern Chinas und der Sowjetunion Zwietracht zu säen. Damit befassen sich sowohl die Intriganten in England, den USA und Frankreich als auch die Kapitulanten in China. Das ist eine ernste Gefahr, und man muß die finsteren Ränke gründlich enthüllen. Es ist klar, daß die Außenpolitik Chinas eine Außenpolitik des Widerstands gegen Japan sein muß. Diese Politik beruht auf dem Prinzip, sich hauptsächlich auf die eigenen Kräfte zu stützen, aber gleichzeitig bedeutet sie, nicht auf jegliche Hilfe von außen zu verzichten. Und diese Hilfe von außen kann unter den Bedingungen des ausgebrochenen imperialistischen Weltkriegs vor allem aus folgenden drei Quellen kommen:

  1. von der sozialistischen Sowjetunion;
  2. von den Völkern der kapitalistischen Länder;
  3. von den unterdrückten Nationen in den Kolonien und Halbkolonien.

Das sind unsere einzigen zuverlässigen Helfer. Jegliche andere sogenannte Hilfe von außen soll man, auch wenn sie möglich ist, dennoch nur als eine teilweise und zeitweilige Hilfe ansehen. Natürlich soll man sich auch um diese teilweise und zeitweilige Hilfe bemühen, man darf sich jedoch von ihr keineswegs allzu sehr abhängig machen, man darf sie nicht als eine zuverlässige Hilfe ansehen. Gegenüber den Ländern, die am imperialistischen Krieg teilnehmen, muß China strikte Neutralität wahren, es darf sich keiner der kriegführenden Parteien anschließen. Die Meinung, daß China auf Seiten des englisch-französischen imperialistischen Lagers am Krieg teilnehmen müsse, ist eine Meinung der Kapitulanten, sie entspricht nicht den Interessen des Widerstandskriegs gegen Japan, sie entspricht nicht den Interessen der Unabhängigkeit und der Befreiung der chinesischen Nation und muß rundweg abgelehnt werden. Das ist die vierte Frage, auf die ich eingehen wollte.

Die oben erläuterten Fragen sind gegenwärtig Gegenstand lebhafter Diskussionen unter unseren Landsleuten. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß unsere Landsleute dem Studium der internationalen Probleme, den Beziehungen zwischen dem imperialistischen Weltkrieg und dem Widerstandskrieg Chinas gegen Japan sowie den Beziehungen zwischen der Sowjetunion und China eine solche Beachtung entgegenbringen, es geht dabei um das Ziel: Sieg Chinas im Widerstand gegen Japan. Ich habe nun einige grundlegende Ansichten zu den oben erläuterten Fragen dargelegt und hoffe, daß die Leser so freundlich sein werden, ihre Meinung zu äußern, ob diese Ansichten richtig sind.

ANMERKUNGEN

1) Der Völkerbund war eine Organisation, die von den englischen, französischen, japanischen und anderen Imperialisten nach dem ersten Weltkrieg geschaffen wurde, um sich über die Aufteilung der Welt zu verständigen und die gegenseitigen Widersprüche zeitweilig zu regeln. Nachdem die japanischen Imperialisten im Jahre 1931 den Nordosten Chinas besetzt hatten, traten sie, um sich die Ausdehnung der Aggression zu erleichtern, im Jahre 1933 aus dem Völkerbund aus; im Jahre 1933 riß die faschistische Partei in Deutschland die Macht an sich, und Deutschland trat ebenfalls aus dem Völkerbund aus, um sich die Vorbereitung eines Aggressionskriegs zu erleichtern. Im Jahre 1934, als die drohende Gefahr des faschistischen Aggressionskriegs von Tag zu Tag wuchs. trat die Sowjetunion in den Völkerbund ein und verwandelte auf diese Weise den Völkerbund aus einem Werkzeug zur Verständigung über die Aufteilung der Welt zwischen den Imperialisten in ein Werkzeug, das der Sache des Friedens nützen konnte. Im Jahre 1935 fiel Italien in Abessinien ein und trat ebenfalls aus dem Völkerbund aus.

2) Das sowjetisch-französische und das sowjetisch-tschechoslowakische Abkommen über gegenseitige Hilfe wurden im Jahre 1935 geschlossen.

3) Lloyd George war einer der Führer der Liberalen Partei der englischen Bourgeoisie. Während der englisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen erklärte er im Parlament: „Den Vorschlag der Sowjetunion ablehnen heißt den Frieden ablehnen.“

4) Am 1. September 1939 fielen die deutschen Truppen in Polen ein und besetzten den größten Teil seines Territoriums; am 17. September floh die reaktionäre Regierung Polens ins Ausland. Die Sowjetunion ließ, um ihr eigenes Territorium zurückzugewinnen, die unterdrückten Ukrainer und Belorussen zu befreien und der Aggression der deutschen Faschisten nach dem Osten den Weg zu verlegen, am 17. September ihre Truppen in Ostpolen einmarschierten.

5) Im Mai 1939 begannen japanische und „mandschurische“ Truppen (das heißt die Truppen des Marionettenstaates Mandschukuo) einen Angriff gegen die Truppen der Sowjetunion und der Mongolischen Volksrepublik im Gebiet von Nomonhan an der mandschurisch-mongolischen Grenze. Infolge der heroischen Selbstverteidigung der sowjetischen und der mongolischen Truppen erlitten die japanischen und die „mandschurischen“ Truppen eine schwere Niederlage und baten die Sowjetunion um Waffenruhe. Im September wurde in Moskau ein Abkommen über die Einstellung der Kampfhandlungen bei Nomonhan unterzeichnet, dessen Inhalt im wesentlichen auf folgendes hinauslief: 1. Beide Seiten stellen unverzüglich die Kampfhandlungen ein; 2. zur Festlegung der Grenze zwischen der Mongolischen Volksrepublik und „Mandschukuti ` im Gebiet des Konflikts wird eine Kommission gebildet, bestehend aus zwei Vertretern Japans und ,.Mandschukuos“ einerseits sowie zwei Vertretern der Sowjetunion und der Mongolischen Volksrepublik andererseits.

6) Ende Juli und Anfang August 1938 provozierten japanische Truppen die sowjetischen Truppen bei Dschanggaofeng, an der Stelle, wo die Grenzen Chinas, der Sowjetunion und Koreas zusammenstoßen. Durch starke Gegenstöße der sowjetischen Streitkräfte erlitten die Japaner eine Niederlage und baten um Frieden. Am 11. August wurde in Moskau ein Abkommen über die Einstellung der Kampfhandlungen bei Dschanggaofeng unterzeichnet. Das Abkommen sah vor, daß die Kampfhandlungen unverzüglich eingestellt und die Untersuchungen über die Grenzlinie und ihre endgültige Festlegung einer gemischten Kommission aus zwei Vertretern der Sowjetunion und zwei Vertretern von Seiten Japans und „Mandschukuos“ übertragen würden.

Quelle: Mao Tsetung, Ausgewählte Werke Band II, Peking, 1968, S. 319-329

Ein Gedanke zu “Vorsitzender Mao Tsetung – Über die internationale Lage und den Beginn des II. Weltkrieges in Europa (September 1939)

  1. Vielen Dank für diesen Artikel.
    Die Größe Mao Tse Tungs, der den Nichtangriffsvertrag erläutert, wird hier überdeutlich.
    Er bestätigt damit auch die Größe Josef Stalins.

    Zu den Begriffen: Nichtangriffsvertrag gefällt mir wesentlich besser als Nichtangriffs“pakt“.
    Liegt vielleicht an der chinesisch-deutschen Übersetzung.
    In der antikommunistischen Wikipedia wird von Nichtangriffspakt und von Hitler-Stalin-Pakt gesprochen.
    In den offiziellen Dokumenten von 1939 ist übrigens auch von Nichtangriffsvertrag die Rede.

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