Folgen der DDR Annexion

Beginnen wir mit den Arbeitslosen, die es urplötzlich nach 1990 gab. Laut Angaben der „Bundesanstalt für Arbeit“ von 1992 verloren ab Oktober 1990 von den 9,8 Millionen ehemals in der DDR Beschäftigten mehr als zwei Millionen ihre über vierzig Jahre gesicherten Arbeitsplätze. Sie wurden mit Arbeitslosengeld und später Hartz-IV-Almosen abgespeist und ins gesellschaftliche Abseits gestellt.
Hochqualifizierte Facharbeiter, Wissenschaftler, Pädagogen, Verwaltungs- und Kommunalangestellte, Juristen, Kultur- und Kunstschaffende hat man in der Regel in ausbildungsfreie Tätigkeiten degradiert. Es entstand ein Heer von Taxifahrern, Recycling- Dienstleistern, Brief- und Paketboten, Mini-Jobbern mit entwerteten Hoch- und Fachschulabschlüssen. Versicherungskonzerne der BRD und westeuropäischer Länder kaperten sich in Existenznot geratene frühere Angehörige der bewaffneten Organe, wie auch mittlere leitende Kader „abgewickelter“ Betriebe und Institutionen und nutzen sie mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen als „Rattenfänger“ für fragwürdige Versicherungsverträge.
Nicht wenige versuchten sich in verschiedenen Branchen und mit geringen finanziellen Sicherheiten als Kleinunternehmer. Nur Ausnahmen hatten dabei Erfolg, zumeist aber auch nur kurzzeitig. Die sogenannte Ich-AG (Einzelunternehmen) wurde zum „Ich-UG“ (Einzeluntergang). Ein Arbeitslosenstrom gen alte Bundesländer setzte ein und entvölkerte Städte, ländliche Regionen und bisherige DDR-Industriestandorte. Laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes verließen von 1990 bis 1995 ca. 2 737 000 Menschen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren ihre Wohn- und Arbeitsorte. Für die Altersgruppe 30 bis 50 Jahre wird eine Zahl von knapp 1 Million „Auswanderer aus den neuen Bundesländern“ gezählt.
Beide Altersgruppen waren von der Arbeitslosigkeit am stärksten betroffen. Besonders auffällig dabei ist die Anzahl der Frauen, die für den Zeitraum 1990 bis 1995 und in den beiden genannten Altersgruppen mit ca. 365 000 angegeben wird. Bisher sichere und lukrative Frauenarbeitsplätze fielen der „Abwicklung“ zum Opfer. Und es gab unzählige Menschen, die keinen Ausweg aus dem politischen, wirtschaftlichen und sozialen Niedergang der DDR für sich persönlich sahen. Sie wählten den Suizid aus Angst vor dem enormen Druck sozialer Sorgen, vor dem Haß und den Rachegelüsten der Gewinner des Kalten Krieges.
Die Suizidrate in den okkupierten neuen Bundesländern 1990/1991 lag nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums ca. zehn Prozent höher als in den alten Bundesländern. Der Senatsverwaltung Berlin für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz zufolge töteten sich z. B. 1990/91 in den Ostbezirken von Berlin 4294 Personen, ca. 25 Prozent mehr als in den Jahren 1949 bis 1989 insgesamt.
Millionen Bürger, die in der DDR mit ihren Familien in sicheren Wohnverhältnissen leben konnten, waren nun einem Mietwucher durch „Rückübertragung“ von Wohngrundstücken an sogenannte Alteigentümer, private Wohnungsbaugesellschaften und Immobilienhaie ausgesetzt, der sie in zahllosen Fällen zur Aufgabe ihrer Wohnungen und zur Verschlechterung ihrer Wohnverhältnisse zwang.
Andere versuchten sich aus dieser Situation mit einem Eigenheimbau auf der schwammigen Grundlage eines Bankkredits zu retten, was zwar einem Teil gelang, aber unter dem bleibenden Druck von hohen Schulden und
bürokratischem Streß.
Eine besonders tragische Folge dieser Situation ist die enorme Obdachlosigkeit – eine gesellschaftliche Erscheinung, die in der DDR seit Jahrzehnten überwunden war. Bahnhofshallen, überdachte Vorbereiche öffentlicher Einrichtungen, Hauseingänge, Parkbänke, Brücken etc. mutierten zu Schlafstätten und Lagerflächen für Menschen, denen eine menschenwürdige Wohnmöglichkeit aus kapitalistischer Profitsucht entzogen wurde und wird.
Es kann nicht unerwähnt bleiben, daß nach der DDR-Annexion politische, wirtschaftliche und staatliche Verantwortungsträger sowie Angehörige der bewaffneten Organe und des MfS grundlos vor den bundesdeutschen „Kadi“ gezerrt worden sind, ohne daß ihnen individuelle Straftaten nachgewiesen werden konnten.
Die Liste der Opfer der DDR-Annexion durch die BRD ließe sich beliebig fortsetzen.

Manfred Wild, Berlin

Quelle: Rotfuchs Nr. 284, September 2021, S. 13 – http://www.rotfuchs.net

Ein Gedanke zu “Folgen der DDR Annexion

  1. Eigentlich ein sehr gutes Plakat!
    Allerdings sollten Kommunisten den Begriff „sozialistische Experimente“ aus ihrem Vokabular streichen.
    Kommunisten machen keine Experimente mit Menschen!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s